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2’509 Karten georeferenziert: Citizen Scientists nehmen das Heft in die Hand

Alte Landkarten verorten, Schriften entziffern oder Wikipedia-Artikel verfassen. Freiwillige stellen seit 2021 ihr Wissen der Öffentlichkeit zur Verfügung und bringen es gemeinsam mit der ZB in die Forschung ein.

«Die Karten kann man über die Website abrufen und bearbeiten, man muss also kein Programm installieren. Und die meisten Karten sind einfach.» zitiert der Sonntagsblick vom 1. August 2021 Sigi Heggli. Der pensionierte Vermessungsingenieur war einer der aktivsten Teilnehmer im Projekt «Durch Raum und Zeit». Zusammen mit 34 weiteren Freiwilligen verortete er 2’509 digitalisierte Zürcher und Schweizer Landkarten aus der Zeit des 16. bis 19. Jahrhunderts. Beim so genannten Georeferenzieren werden die alten Landkarten auf moderne projiziert und entzerrt.

  • Abb. 1: Karte des Zürich-Gebietes von Jos Murer (1566), 4. Aufl., Anfang 18. Jh. DOI: 10.3931/e-rara-28181
  • Abb. 2: Dieselbe Karte georeferenziert und entzerrt.

Zu diesem Zweck werden Punkte markiert, die sich auf beiden Karten identifizieren lassen. Gut geeignet dafür sind etwa Gebäudeecken, Einmündungen von Fliessgewässern oder Verkehrskreuzungen. In einem Video erklärte das Projektteam von «Durch Raum und Zeit» das Vorgehen. Das Bearbeitungstempo überraschte auch die grössten Optimisten. Der Zähler bewegte sich stündlich nach oben. Innerhalb von nur sieben Wochen setzten die Freiwilligen im Sommer 2021 über 19’000 Referenzpunkte und schlossen das Projekt erfolgreich ab. Offensichtlich machte es auch Spass – ein wesentlicher Faktor für das Gelingen von Citizen-Science-Projekten.

Abb. 3: Die aktivsten Beteiligten am Projekt «Durch Raum und Zeit» waren am 15. Oktober 2021 in die ZB eingeladen (Bild: ZB Zürich, S. Pomsel).

Im Ergebnis stehen nun über 2’500 alte Karten der ZB auf der Plattform Old Maps Online georeferenziert zur Verfügung. Anhand dieser Quellen können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weitere Forschungsfragen zur Kartengeschichte bearbeiten oder die Entwicklung des geografischen Weltbildes untersuchen.

Keine Grenzen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

«Durch Raum und Zeit» ist nur eines der Citizen-Science-Projekte, das die ZB 2021 begonnen hat. Citizen Science meint die Zusammenarbeit von hauptamtlich Forschenden und ehrenamtlich Tätigen bei wissenschaftlichen Untersuchungen. Ziel ist es, die Grenzen des «Elfenbeinturms» zu überwinden. Die ZB ist in ihrer Doppelrolle als Kantons- und Stadtbibliothek einerseits, Universitätsbibliothek andererseits geradezu prädestiniert dafür, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern.

Und sie war letztes Jahr aktiv: Im Projekt «Mein Brief ist lang geworden» entziffern Freiwillige Briefe von und an Heinrich Zschokke (1771-1848) aus dem Bestand der ZB und machen deren Volltexte auf e-manuscripta.ch zugänglich. Bei einem Wikipedia Edit-a-Thon verfassten Filminteressierte an einem verlängerten Wochenende in den Räumen der ZB 16 neue Wikipedia-Artikel zum Zürcher Filmschaffen und überarbeiteten sechs weitere. Gemeinsam mit Lehrpersonen nimmt die ZB Jugendliche mit auf «Schul(zeit)reisen». Ziel ist es, ausgewählte Bestände der ZB so aufzubereiten, dass sie sich für den Unterricht an Schweizer Mittelschulen eignen. Realisiert wurden beispielsweise Lehrmaterialien zum «Leben in Zeiten der Pandemie», zur «Mädchenbildung im Zürich des 18. und 19. Jahrhunderts» und zum Thema «Die Schweiz und der Sklavenhandel».

Verbindung von analog und digital

Die bisherigen Projekte der ZB setzten mehrheitlich darauf, dass sich die Freiwilligen räumlich und zeitlich ungebunden beteiligen können. Die Zusammenarbeit erfolgte – verstärkt noch durch die Pandemie – überwiegend im digitalen Raum. Vor-Ort-Veranstaltungen bleiben aber wichtig, damit Menschen mit gleichen Interessen zusammenkommen. Und um den Dank der ZB bei einem Apéro entgegenzunehmen.

Abb. 4: Gemeinsames Transkribieren von Zschokke-Briefen am 3. Juli 2021 (Bild: ZB Zürich, P. Moerkerk)

Lust mitzumachen? Hier erfahren Sie mehr über die aktuell laufenden Projekte.

Dr. Stefan Wiederkehr
Chefbibliothekar Spezialsammlungen / Digitalisierung