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«Itten vernetzt» – digitale Entdeckungsreisen in ein faszinierendes Künstler­leben

Die Zentralbibliothek Zürich setzt mit einer innovativen Wissensplattform zum Schweizer Ausnahmekünstler Johannes Itten internationale Massstäbe.

Der Bauhaus-Meister und Farblehre-Theoretiker Johannes Itten pflegte in seinem Leben Kontakte zu Künstlerinnen und Künstlern in ganz Europa. Mit dem Projekt «Itten vernetzt» macht die Zentralbibliothek sein Werk und seinen Nachlass digital erlebbar. Die neuen Perspektiven werden die Kunstgeschichte und die Wahrnehmung dieser aussergewöhnlichen Persönlichkeit bereichern.

Flink fliegen die Finger über die Computertastatur. J O H A N N E S I T T E N. 13 Buchstaben, leise, klickende Geräusche. ENTER. Blitzschnell füllt sich der Bildschirm mit Buchstaben und Zahlen.

1,35 Millionen Ergebnisse spuckt Google bei der simplen Suche nach dem Namen aus. An erster Stelle erscheint ein Wikipedia-Eintrag:

«Johannes Itten war ein Schweizer Maler, Kunsttheoretiker, Kunstpädagoge und lehrender Meister am Bauhaus in Weimar. Itten zählt zu der Zürcher Schule der Konkreten.»

Johannes Itten, Geometrische Komposition 1958 © 2022, ProLitteris, Zurich

Vielseitig talentiert

Auf den Bildschirm purzeln Sätze wie dieser: «Johannes Itten prägte in der Nachkriegszeit Zürichs Kunst- und Kulturleben sowie die Kunstpädagogik und Kunsttheorie mit internationaler Resonanz» oder «Der Schweizer Johannes Itten war eine der zentralen Persönlichkeiten des Bauhauses und Begründer der Farbtypenlehre».

Geboren wurde Itten am 11. November 1888 in Wachseldorn, einer kleinen, ländlichen Gemeinde im Berner Oberland, verstorben ist er am 25. März 1967 in Zürich. Dazwischen liegt das wechselvolle Leben eines ausserordentlich vielseitig begabten Künstlers, der Malereien, Zeichnungen, Grafiken, Plastiken und Textilien schuf.

Itten erlebte zwei Weltkriege; auch deshalb war sein Werdegang von zahlreichen Brüchen und vielen Neuanfängen gezeichnet. Der Schweizer lebte und arbeitete unter anderem in Wien, Weimar, Berlin und Krefeld, Amsterdam und Zürich.

In der Limmatstadt war er ab 1938 Direktor der Kunstgewerbeschule, entfaltete als Direktor des Kunstgewerbemuseums und der Textilfachschule seine Ideen und leitete schliesslich das Museum Rietberg. Konstanten in seinem Leben waren seine Frau Anneliese, die einst seine Schülerin gewesen war, sowie seine drei Kinder.

Schweizer Filmwochenschau vom 30.05.1952, aus: Cinémathèque suisse, Schweizerisches Bundesarchiv, mit der Beteiligung der Cinémathèque suisse
Schweizer Filmwochenschau vom 30.05.1952, aus: Cinémathèque suisse, Schweizerisches Bundesarchiv, mit der Beteiligung der Cinémathèque suisse
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Schweizer Filmwochenschau vom 30.05.1952, mit der Beteiligung der Cinémathèque suisse, Schweizerisches Bundesarchiv

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Schweizer Filmwochenschau vom 30.05.1952, aus: Cinémathèque suisse, Schweizerisches Bundesarchiv, mit der Beteiligung der Cinémathèque suisse

Zürich als Zentrum

Die Stadt Zürich blieb bis zu seinem Tod Dreh- und Angelpunkt seines Lebens und Schaffens. In der Zentralbibliothek Zürich befinden sich heute der Nachlass und die Privatbibliothek Johannes Ittens. Es ist also sinnfällig, dass in Zürich der Ursprung eines umfangreichen Projekts liegt, mit dem Johannes Ittens Werk und sein vielschichtiges Wirken auf eine innovative Art breit zugänglich gemacht werden.

Federführend bei «Itten vernetzt» ist die ZB, die mit dem Projekt neue Wege beschreitet, wie Direktor Christian Oesterheld festhält: «Die ZB positioniert sich damit als Bibliothek der Zukunft. Für uns handelt es sich um ein Leuchtturmprojekt für die digitale Transformation der ZB als Forschungsbibliothek.»

Die Zentralbibliothek überschreite gewissermassen die Grenzen ihrer eigenen Sammlung, sagt Oesterheld. «Wissen aus verschiedenen Quellen und Datenbanken wird digital verknüpft und auf eine intuitive Art und Weise verfügbar und erforschbar gemacht.» Die ZB wage sich damit in eine für Bibliotheken neue Dimension vor, was auch international Beachtung finde.

Hunderte von Archivschachteln

Mit dem Aufbau der sogenannten Linked-Open-Data-Plattform wird das in verschiedene Teile gegliederte Projekt «Itten vernetzt» vervollständigt. Eine wichtige Voraussetzung dafür bildete die archivarische Erschliessung des Nachlasses des Bauhaus-Meisters und Kunsttheoretikers in den vergangenen Jahren.

Die Sichtung und Erschliessung war eine ausserordentlich intensive Arbeit, wie ein Besuch in der ZB bei Christine Baur, der Projektleiterin von «Itten vernetzt», zeigt. Ihr Arbeitsplatz befindet sich auf einer Galerie in einem Raum hinter dem Lesesaal der Handschriftenabteilung. Links und rechts eines Schreibtischs, auf dem der Computer steht, sind auf Regalen Hunderte Aktenordner und Archivschachteln aufgereiht.

Fotos, Briefe, Manuskripte

«Die ZB hat das Itten-Archiv 2015 von den Erben als Geschenk erhalten», erzählt Baur, während sie Archivschachteln öffnet und vorsichtig einige Dokumente zur Hand nimmt. Gewisse Ordner sind mit der originalen Handschrift Ittens angeschrieben. «Seine Frau Anneliese, die 2002 starb, hatte das Archiv über die Jahre geordnet», erzählt Baur. «Sie bewirtschaftete und ergänzte den Nachlass auch nach seinem Tod 1967 weiter.»

Das Archiv umfasst rund 60’000 Dokumentenseiten, die Christine Baur und ihr Team nach archivarischen Prinzipien geordnet, verzeichnet und in Archivmaterialien verpackt haben. Es besteht aus dem schriftlichen und kunsttheoretischen Nachlass Ittens und enthält Dokumente zu allen seinen beruflichen Stationen, Korrespondenz mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern, Manuskripte, Fotos, Zeugnisse, Reisetagebücher und Dokumente zu Ausstellungen und Sammlungen.

Ein bedeutender Teil seines Werks befindet sich bei der Johannes-Itten-Stiftung. Zum Stiftungsgut, das im Kunstmuseum Bern deponiert ist, gehören auch Tagebücher und Schülerarbeiten aus dem Unterricht Ittens.

  • Aufzeichnungen Johannes Ittens zu einem Farbkurs in Ulm 1955, Hs NL 11: Fc 4
  • Johannes Itten: Manuskripte zur Farbenlehre. Ordner III, ca. 1950er Jahre, Hs NL 11: Fd 12
  • Aufzeichnungen Johannes Ittens zu einem Farbkurs in Ulm 1955, Hs NL 11: Fc 4

Digitalisiert und restauriert

Ittens Nachlass bei der ZB wurde nicht nur archivarisch geordnet, sondern davor auch vollständig digital erfasst. Dafür wurden alle Schubfächer und Ordner durchnummeriert, sorgfältig verpackt und an die Universität Regensburg geschickt, wo die Dokumente für die Forschung digitalisiert und inhaltlich erschlossen wurden. In Regensburg forscht Christoph Wagner, Professor für Kunstgeschichte und Direktor des Instituts, seit vielen Jahren zu Johannes Itten.

«Zurück in Zürich sind die Archivmaterialien, die auch kleinere Malereien, Skizzen und Zeichnungen umfassen, von den Projektmitarbeitenden und der Abteilung Bestandserhaltung in der ZB auf ihren Zustand geprüft worden», führt Christine Baur aus. Die Originale wurden zum Beispiel auf Schimmelspuren oder Löcher durch Tintenfrass, der das Schreibpapier durch gewisse Inhaltsstoffe der Tinte zersetzt, untersucht und wenn nötig behandelt oder restauriert.

Das Itten-Archiv steht bereits heute öffentlich zur Verfügung: Über das Portal ZBcollections können die Dokumente recherchiert, Scans in Auftrag gegeben oder auch Originale in den Lesesaal der Handschriftenabteilung bestellt werden. Die Suche bei ZBcollections fördert Spannenderes zutage als jene bei Google. Doch «Itten vernetzt» kann noch weit mehr.

Komplexe Programmierung

Basis für die digitale Wissensplattform ist eine eigens für das Projekt programmierte Software. Diese weist eine Hyperlink-Struktur auf, der semantische Verknüpfungen zugrunde liegen. Für die technische Entwicklung zeichnet das Team der Swiss Art Research Infrastructure (SARI) von Tristan Weddigen verantwortlich. Er ist Professor für Kunstgeschichte an der Universität Zürich und Direktor am Max-Panck-Institut für Kunstgeschichte «Bibliotheca Hertziana» in Rom.

Normierte Ausdrücke in den IT-Codierungen sorgen dafür, dass Datenbestände verschiedener Bibliotheken oder Archive miteinander kommunizieren können. Dadurch werden Bedeutungskontexte und inhaltliche Verbindungen erschlossen; die Archivalien treten miteinander in Beziehung. Zusammenhänge zwischen Personen, Orten oder Dokumenten werden den Forschenden mittels sogenannter Graphen dargestellt, deren Abbildung einer «Mindmap» gleicht.

«Die Programmierung ist aufwendig und komplex», sagt Thomas Hänsli vom Team der SARI. «Schliesslich vernetzen wir Daten über die Institutionen und bestehende Software-Lösungen hinweg.» Ein Teil dieser Prozesse erfolge automatisch, ein Teil müsse manuell erledigt werden. «Wir bringen die Maschine dazu, so zu denken, wie wir es wollen, um relevante und korrekte Verknüpfungen zu erstellen.»

Call zwischen Christine Baur und Stephanie Santschi, Koordinatorin bei SARI (Bild: ZB Zürich, R. Patterson)

Wertvolle Künstlerbriefe

Christine Baur, die Projektleiterin bei der ZB, hat eine Reihe von Trouvaillen aus dem Nachlass vorbereitet, um sie uns zu zeigen. Darunter sind Miniaturen, etwa von Itten sorgfältig gemalte Farbanalysen zu Meisterwerken der Kunstgeschichte, oder Übungsblätter mit Farbschemen, mit denen er um 1940 den Schülerinnen und Schülern seine Farbenlehre vermittelte. Perlen im Archiv sind aber auch die rund 150 künstlerisch gestalteten Briefe Ittens an seine Muse Anna Höllering aus der Zeit vor 1919.

Anna Höllering war nicht nur eine Schülerin Johannes Ittens; die beiden verband auch eine enge Freundschaft. Überhaupt war Itten ein kommunikativer und interessierter Mensch, was sich in seinem Nachlass widerspiegelt: Er war ein fleissiger Briefeschreiber und empfing entsprechend viele Zuschriften.

  • Brief Johannes Ittens an Anna Höllering, ca. August 1918, Hs NL 11: Eb 1.94
  • Brief Johannes Ittens an Anna Höllering, März 1919, Hs NL 11: Eb 1.130

Interviews mit Forschenden

«Aus der Sicht von Forschenden ist dieser Umstand besonders interessant», sagt Lothar Schmitt, der als Fachreferent für Kunst und Architektur der ZB am Projekt beteiligt war. «Itten war nicht nur ein wichtiger Künstler seiner Zeit, sondern pflegte auch ein grosses Netzwerk. Er zog mehrmals um, blieb nicht ständig in seinem fest definierten Kreis. Er bewegte sich weiter, und so ziehen sich seine Beziehungen durch alle Spuren seines Lebens.»

Schmitt fiel beim Itten-Projekt die Aufgabe zu, die Anforderungen an die Linked-Open-Data-Plattform aus wissenschaftlicher Perspektive zu definieren. Dazu führte er gemeinsam mit dem Projektteam verschiedene Befragungen von Forscherinnen und Forschern durch.

Neue Rolle für die ZB der Zukunft

Eines der Resultate: Visuelle Darstellungen, etwa mittels der erwähnten Graphen, stiessen auf grosses Interesse. Die neue Plattform soll Forscherinnen und Forschern zudem die Möglichkeit bieten, eigene wissenschaftliche Informationen hinzuzufügen.

«Die Wissensplattform wird Forschende dabei unterstützen, Facetten zu Johannes Itten sowie Verbindungen zwischen Personen, Orten und Ereignissen zu entdecken, die bislang noch unbekannt waren»

ZB-Direktor Oesterheld ist überzeugt. «Dadurch entstehen neue wissenschaftliche Fragestellungen und Antworten: Auf diese Weise entwickelt sich die Kunstgeschichte weiter.»

Blickt man in die Zukunft, so wandeln sich mit dem Projekt auch die Aufgaben der ZB. Oesterheld sagt: «Die Bibliothek ist nicht mehr nur eine Sammlungsinstitution, die Schätze hütet und sie Forschenden zugänglich macht. In ihrer neuen Rolle wird die ZB zum Akteur der Wissenschaft, indem sie ein Wissensnetzwerk aufspannt und eng mit Forscherinnen und Forschern zusammenarbeitet.»

Internationaler Ruhm

Auf neue Erkenntnisse freut sich auch Christoph Wagner, der als kunstwissenschaftlicher Experte am Projekt beteiligt ist. Der Professor für Kunstgeschichte an der Universität Regensburg ist der wohl profundeste Itten-Kenner der Gegenwart. Er erzählt, das internationale Interesse an Johannes Itten sei gross.

Wagner kuratierte vor vier Jahren eine grosse Itten-Ausstellung in der Zentralbibliothek Zürich. Und seit vielen Jahren arbeitet er an der Publikation des vollständigen Werkverzeichnisses Johannes Ittens, das inzwischen für das malerische Werk, auch für die Zürcher Jahre, vollständig vorliegt. Dieses wird in digitaler Form ebenfalls mit der Linked-Open-Data-Plattform von «Itten vernetzt» verknüpft werden.

Christoph Wagner – was er sich von «Itten vernetzt» erhofft

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Schlüsselfigur der Moderne

«Soeben ist der Speditionswagen bei mir vorgefahren», sagt Wagner im Dezember 2021 am Telefon, als er seinen Anteil am ZB-Projekt erläutert. Das Eintreffen der Lieferung erlebte er nach vielen Jahren Forschung als grossen Moment: «Der zweite Band des Werkverzeichnisses ist da!» Drei Bände wird das Verzeichnis insgesamt umfassen; allein der zweite Band ist rund 500 Seiten dick und enthält 1200 Abbildungen in Farbe, die Ittens Werke aus Zürcher Jahren dokumentieren. Darüber hinaus wird das Werkverzeichnis auch in digitaler Form auf der Plattform arthistoricum.net der Universitätsbibliothek Heidelberg zugänglich sein.

Itten-Kenner Christoph Wagner unterstreicht, der Schweizer Künstler sei für das Weimarer Bauhaus, wohin ihn der Gründer der Kunstschule, Walter Gropius, 1919 als «Meister» berufen hatte, eine Schlüsselfigur gewesen. Bereits 1913 studierte Itten beim Maler Adolf Hölzel in Stuttgart. Bei Hölzel begann er, sich mit Farbtheorien und Kontrasten zu befassen. Danach zog er weiter nach Wien und Weimar und verliess das Bauhaus 1923 nach Konflikten mit Gropius.

In Wien machte Itten Bekanntschaft mit anderen Künstlern, Philosophen, Schriftstellern und Lebenskünstlern. Zu diesen gehörten beispielsweise Gustav Klimt, Alban Berg, Oskar Kokoschka, Rudolf Steiner, Robert Musil, Franz Werfel und Alma Mahler.

Interesse an Esoterik

Die drei Jahre zwischen 1923 und 1926 waren ein frühes Zürcher Intermezzo: In Herrliberg am Zürichsee schloss sich Itten der internationalen Mazdaznan-Tempel-Gemeinschaft an. Deren Mitglieder waren Vegetarier, praktizierten täglich Atemübungen und meditierten. Die Mazdaznan-Anhänger gerieten später allerdings wegen rassistischer Tendenzen in ihrer Evolutionslehre in Verruf.

1926 gründete Itten eine eigene Kunstschule in Berlin und bildete kurz darauf in Krefeld zusätzlich Textildesigner aus. Die Itten-Schule in Berlin wurde 1934 unter nationalsozialistischem Druck geschlossen, in Krefeld wurde er entlassen, seine Werke wurden 1937 auf der Ausstellung «Entartete Kunst» gezeigt. Daraufhin kehrte er nach einer Station in Amsterdam 1938 nach Zürich zurück.

  • Bildbesprechung in der Itten-Schule Berlin, 1932, Hs NL 11: Ba 8.9
  • Die Itten-Schule Berlin an der Konstanzer Strasse 14, ca. 1925 - 1934, Hs NL 11: Ba 8

Ittens Interesse an der Esoterik scheint mit der Nüchternheit der Bauhaus-Schule, mit der er zeitlebens verbunden blieb, im Widerspruch zu stehen. Doch auch solche Gegensätze gehören für Christoph Wagner erforscht.

Im Gespräch erwähnt er weitere wichtige Verdienste des Schweizers: Itten habe zum Beispiel intensiv Künstlerinnen gefördert, darunter viele bedeutende Textilkünstlerinnen wie zum Beispiel Gunta Stölzl oder Heidi Bucher. Bis heute lebe auch die Idee des von Itten am Bauhaus entwickelten Vorkurses an internationalen Kunstschulen weiter. In den Vorkursen werden Schülerinnen und Schülern bedeutende gestalterische und technische Grundlagen vermittelt.

Unermüdlicher Weltverbesserer

«Jeder Mensch ist bildnerisch begabt», das war Johannes Ittens Leitmotiv. Sein Kunstverständnis war nicht elitär; er selbst stammte aus ländlichen Schweizer Verhältnissen. Sein Vater, der früh starb, war Bergbauer und Lehrer gewesen. Ittens Weg zu einem prominenten Künstler des 20. Jahrhunderts und zum Vordenker einer eigenen Farbenlehre, die in der Kunstwelt bis heute anerkannt ist, war keineswegs vorgezeichnet.

Sein Buch «Kunst der Farbe» wurde in zahlreiche Weltsprachen übersetzt und in immer neuen Auflagen gedruckt. «Ittens Buch zur Farbenlehre war wirklich ein kunsttheoretischer Weltbestseller», hält Christoph Wagner fest.

In seinen Augen war Itten nicht nur ein bedeutender Künstler und Theoretiker, sondern auch ein unermüdlicher und unbequemer Weltverbesserer, dem es immer ein Anliegen war, Menschen direkt zu erreichen.

Selbstportrait Johannes Ittens, Berlin, ca. 1925 - ca. 1934, Hs NL 11: Ba 8.1

Wie war das alles möglich?

Seinen Schülerinnen und Schülern habe Itten wichtige Impulse vermittelt, erzählt der Forscher weiter. «Itten ist mit vielen von ihnen in Verbindung geblieben, als sie in die Welt, bis nach Südafrika, nach Israel oder in die USA ausschwärmten.» Ittens globale Kontakte, so Wagner, können nun auch auf der Wissensplattform der ZB in neuer Form und im Detail dargestellt werden.

Mit Blick auf die ungewöhnlich grosse Zahl an Materialien und Dokumenten über Johannes Itten, die erhalten sind, und die Kunstwerke, die er schuf, sagt Christoph Wagner: «Man schüttelt den Kopf und fragt sich, wie Ittens vielfältige Aktivitäten in unterschiedlichen Bereichen in einem einzigen Leben unterzubringen waren.»

Fehlende Puzzleteile

Wagner erklärt, es sei durchaus möglich, dass Ittens künstlerischer Antrieb auch durch einschneidende biografische Ereignisse befeuert worden sei. «Itten wurde bekanntlich sehr früh Halbwaise, er verlor in Kindheitstagen einen Bruder und machte weitere traumatische Todeserfahrungen: 1916 erlebte er unmittelbar den Freitod einer Freundin, 1918 starb in Wien seine Braut kurz vor der Hochzeit an der Spanischen Grippe, 1922 in Weimar sein frühgeborenes zweites Kind.»

Christoph Wagner scheint über sämtliche Einzelheiten aus Johannes Ittens Lebensweg in allen Stationen bestens Bescheid zu wissen. Jetzt stellt sich die Frage, ob es trotzdem noch Dinge gibt, die er gerne über den Künstler wüsste.

«Auf jeden Fall gibt es da noch viel zu entdecken!», gibt er zur Antwort. So sei zum Beispiel noch die über ein halbes Jahrhundert ausgespannte Entstehungsgeschichte von Ittens «Kunst der Farbe» zu schreiben. Die internationalen künstlerischen Netzwerke und Schülerbeziehungen Ittens seien noch nicht vollständig beschrieben und auch für die Schweizer Kunstgeschichte zentral. «Und wer weiss, vielleicht kommt ja noch eine weitere Liebesgeschichte Ittens zutage», fügt Wagner augenzwinkernd hinzu.

Er hofft, dass fehlende Puzzleteile nun dank «Itten vernetzt» besser gefunden und eingefügt werden können. Bedenken, dass wichtige Geheimnisse in einem Archiv verstauben, braucht künftig jedenfalls niemand mehr zu haben. Die Linked-Open-Data-Plattform wird garantiert keinen Staub ansetzen. Ab Herbst 2023 soll ein erster Teil für die Öffentlichkeit verfügbar sein.

Rebekka Haefeli
Journalistin