Die Inkunabelsammlung und ihre digitale Transformation
Die Erfindung des Buchdrucks um das Jahr 1450 stellt ein bedeutendes Ereignis in der Menschheitsgeschichte dar. Die Produkte der frühen Druckkunst heissen Inkunabeln. Eine internationale Kooperation von wissenschaftlichen Bibliotheken setzt modernste Technologie für die Zusammenführung dieser Bücher ein und hat mit «Material Evidence in Incunabula» (MEI) eine Datenbank geschaffen, die für den Umgang und das Hosting von Forschungsdaten Modellcharakter beanspruchen kann. Die Zentralbibliothek Zürich, die rund 1600 Inkunabeln besitzt, hat an diesem Projekt des Consortiums of European Research Libraries (CERL) aktiv mitgearbeitet. Dank MEI können die Ausbreitung, die Überlieferung und die Benutzung der Texte durch ihre Besitzer und in den jeweiligen Institutionen nachverfolgt, sowie heute verstreute Sammlungen rekonstruiert werden.
Verschiedene Herkunftswege
Viele Inkunabeln der ZB Zürich befanden sich schon vor 500 Jahren in Zürich. Sie stammen meistens aus Zürcher Klöstern, die 1525 im Zug der Reformation aufgelöst wurden. Aus einigen Einrichtungen wie dem Barfüsserkloster sind nur wenige Bände in Zürich überliefert, etwa der Bibelkommentar von Nicolaus de Lyra, geschenkt vom Konstanzer Weihbischof Daniel Zehender (Abb. 1). Anders verhält es sich mit dem Grossmünsterstift, das als einzige kirchliche Einrichtung die Reformation überlebt hat. Beinahe hundert Titel stammen aus der vorreformatorischen Stiftsbibliothek. Der Hebraist Konrad Pellikan (1478-1556) baute ab 1532 die Bibliothek neu auf. In die neue Stiftsbibliothek gelangten unter anderem die Bücher aus dem Vorbesitz des Reformators Huldrych Zwingli (1484-1531) und 87 Inkunabeln aus dem aufgelösten Augustiner-Chorherrenstift St. Martin. Insgesamt stammen nachweislich 382 Inkunabeln aus der reformierten Stiftsbibliothek am Grossmünster.
Weitere 312 Inkunabeln der ZB Zürich, darunter sechs Unikate, stammen ursprünglich aus der 1862 säkularisierten Benediktinerabtei Rheinau. Über den Zuwachs des Rheinauer Bestandes im Lauf der Jahrhunderte ist indessen nur wenig bekannt. Immerhin wurden bei der Erwerbung mancher Bände das Exlibris des amtierenden Abtes in den Buchspiegel geklebt, oder es wurde mit einer Notiz auf den Büchertausch mit einer anderen kirchlichen Einrichtung hingewiesen.
Inkunabelbestand der Stadtbibliothek Zürich
Die 1629 gegründete Stadtbibliothek Zürich besass vor ihrer Auflösung 800 Inkunabeln. Die älteren Provenienzen sind dank Besitzvermerken in den Bänden und dank des handschriftlichen Donatorenbuchs oft gut dokumentiert. Zum Beispiel lässt sich die Herkunft einer 1477 in Augsburg gedruckten deutschen Bibel (Abb. 7) genau zurückverfolgen: der Druck muss noch im Erscheinungsjahr in Augsburg von einem namentlich bekannten Buchbinder gebunden und durch den in Zürich wohnhaften Chronisten Gerold Edlibach (154-1530) gekauft worden sein, anschliessend versah der Käufer die Bibel mit eigenen Illustrationen, bevor sie ein Nachfahre Edlibachs 1634 zusammen mit anderen Büchern der Stadtbibliothek schenkte. Bei anderen Inkunabeln ist die Herkunft dagegen weniger gewiss und das Eingangsdatum in die Stadtbibliothek nur mit einem terminus ante quem anzugeben wie bei Malermis italienischer Bibel, die 1471 in Venedig im Druck erschienen ist (Abb. 7-8). Ein Mitglied der venezianischen Patrizierfamilie Priuli muss sie erworben und den künstlerisch hochstehenden Buchschmuck in Auftrag gegeben haben. Spätestens im Jahr 1760 befand sich die prächtige Bibel in der Stadtbibliothek Zürich.
Aus dem Bestandskatalog wurde eine Datenbank
Mit der Eröffnung im Jahr 1917 vereinigte die Zentralbibliothek Zürich die Inkunabelsammlungen der Vorgängerinstitutionen. Bis zum Beginn des 21. Jahrhundert war es umständlich, einen Eindruck von diesem interessanten Buchbestand zu bekommen oder eine spezifische Frage hierzu zu klären, weil eine genaue Recherche stets mit einem Besuch vor Ort verbunden war. Wesentlich einfacher wurde es, als vor 15 Jahren alle Inkunabeln in der eigenen Katalogdatenbank erschlossen wurden. Seither kann online nach Autoren, Titeln oder Provenienzen gesucht werden. Zudem steht den Benutzenden seit 2009 ein gedruckter Katalog mit exemplarspezifischen Beschreibungen zur Verfügung.
Im Jahr 2019 wurde entschieden, die vorhandenen Daten in die Datenbank MEI zu exportieren. Die Vorteile von MEI sind zum einen eine höhere Sichtbarkeit des eigenen Inkunabelbestandes, zum anderen ermöglichen die strukturierten Beschreibungen neue oder vertiefte Erkenntnisse zur Buchgeschichte. Zu diesem Zweck wurden die exportierten Daten sorgfältig nachbearbeitet, indem alle Einträge zeitlich und geographisch markiert, unklare Beschreibungen präzisiert und die Normeinträge korrigiert oder neu erstellt wurden. Nutzbringend ist auch die Verlinkung auf 251 Digitialisate und auf externe Quellen via e-rara und e-manuscripta. Die Bearbeitung der ZB-Daten in MEI konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Aus einem Bestandskatalog wurde so eine Datenbank, die offen und mit anderen Daten vernetzt ist, was der Forschung neue Möglichkeiten bietet.
Christian Scheidegger
Stv. Leiter Abteilung Alte Drucke und Rara








