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Citizen Scientists erschliessen Quellen zur Zürcher Geschichte

Grempler, Säckler und Bürstenbinder, Überreuter, XIIer und Seevögte – das alte Zürich kannte viele Berufe und Ämter, deren Bezeichnung wir heute nicht mehr ohne weiteres verstehen. Beim Entziffern des «Keller-Escher» lebt diese Welt wieder auf.

  • Abb. 1: Transkriptions-Workshop an der ZB Zürich (Bild: ZB Zürich, R. Patterson)
  • Abb. 2: Transkriptions-Workshop an der ZB Zürich (Bild: ZB Zürich, R. Patterson)
  • Abb. 3: Transkriptions-Workshop an der ZB Zürich (Bild: ZB Zürich, R. Patterson)
  • Abb. 4: Transkriptions-Workshop an der ZB Zürich (Bild: ZB Zürich, R. Patterson)

Neun begeisterte Citizen Scientists haben von Juni 2022 bis Ende des Jahres 580 Seiten einer zentralen Quelle für die Zürcher Familienforschung entziffert und ihre Transkriptionen auf der Plattform e-manuscripta veröffentlicht. Die genealogischen Informationen von 131 Familien, die im als «Keller-Escher» bekannten Werk verzeichnet sind, stehen jetzt in maschinenlesbarer Form für Forschung, Lehre und Öffentlichkeit zur Verfügung. Das Projekt geht 2023 weiter. Wer mitmachen möchte, findet einen einfachen Einstieg über das Videotutorial.

Der Zürcher Kantonsapotheker Carl Keller-Escher (1851-1916) war ein emsiger Familienforscher, der mehrere Bücher über alteingesessene Zürcher Geschlechter verfasste. Im Zuge seiner langjährigen Recherchen trug er aus verschiedenen Quellen die Abstammungslinien und Lebensdaten zu 258 Familien zusammen und notierte diese in gut lesbarer Kurrentschrift in sieben dicken Bänden. Dieses nur in einem einzigen handschriftlichen Exemplar an der Zentralbibliothek Zürich existierende Werk gilt bis heute als eines der wichtigsten biografischen Nachschlagewerke zum alten Zürich. Daher ist es in einschlägigen Artikeln des Historischen Lexikons der Schweiz oft als Referenz angegeben. Besonders wertvoll macht den «Keller-Escher», dass er im Gegensatz zu ähnlichen Übersichten auch die Ehefrauen und Töchter nachweist. Deshalb hat die ZB Zürich das «Promptuarium genealogicum», wie Keller-Escher sein Werk selber betitelte, digitalisiert und online frei zugänglich gemacht.

  • Abb. 5: Band II, Titelblatt. Keller-Escher, Carl: Promptuarium Genealogicum. Band II (Familiennamen v. Cham-Füessli). Zentralbibliothek Zürich, Ms Z II 2. DOI: 10.7891/e-manuscripta-131691.
  • Abb. 6: Eintrag zur Familie Bullinger. Keller-Escher, Carl: Promptuarium Genealogicum. Band I (Familiennamen Aberli-Bütschli). Zentralbibliothek Zürich, Ms Z II 1. DOI: 10.7891/e-manuscripta-131487.
  • Abb. 7: Bände des Promptuarium Genealogicum (Bild: ZB Zürich)

Herausforderungen sind neben den nicht mehr geläufigen Berufsbezeichnungen, Ämtern und Vornamen die zahlreichen Abkürzungen und Symbole, die Keller-Escher verwendete. Seine Einträge sind standardisiert und enthalten neben Lebensdaten, Nachkommen, Berufen und Ämtern auch Angaben zu den Eltern der Ehefrauen sowie Wohn- und Wirkungsorte. Die Nummerierung der Einträge ist die Grundlage für ein komplexes Verweissystem innerhalb des Werks.

Spannend wird die Lektüre, wenn der «Keller-Escher» menschelt, weil der Autor von der starren Struktur seiner Personeneinträge abweicht und Geschichten erzählt. So soll etwa Gerold Meyer von Knonau 1512 die Gerichtsherrschaft Knonau «aus Verdruß über die Heirat seines Sohnes» an Zürich verkauft haben. Wir erfahren über einen Verwandten des Reformators Heinrich Bullinger, dass er ein «wilder Geselle» gewesen, «den Kriegen nach[gezogen]» und bei der Belagerung von Wien durch die Türken 1529 ums Leben gekommen sei. Regelmässig berichtet Keller-Escher über Unglücksfälle und Verbrechen: Ein anderer Meyer von Knonau wurde «am Neujahrstag 1619 Abends um 7 Uhr zwischen dem Helmhaus & der Salzhaustreppe von Jakob Rubli, einem frechen Burschen erstochen & zwar aus Irrtum (weil Rubli vermeinte, er sei ein Anderer)». Sein Mörder wurde noch im selben Monat hingerichtet. Immer wieder lesen wir, dass jemand ertrank. Eine Tragödie war auch die Explosion der Pulvermühle 1723, bei der Vater und Sohn Rüzenstorfer ums Leben kamen (Abb. 8).

Abb. 8: Bei der Explosion der Pulvermühle auf der Papierwerd 1723 starben Vater und Sohn Rüzenstorfer. Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv. DOI: 10.3931/e-rara-63659.

Als 1749 die Mühle der Familie Nägeli in Stadelhofen abbrannte, brachte eine Sammlung in den Stadtkirchen 12599 Gulden 21 Schilling 1 Heller ein und die Stadtregierung spendete den Opfern des Unglücks neben einer weiteren Geldsumme «50 Eimer Wein & 100 Mütt Kernen». In den scheinbar trockenen Personenlisten verbergen sich auch mentalitätsgeschichtliche Aspekte, etwa ein anderes Verhältnis zum Individuum und zum Tod: Zwischen 1700 und 1706 gab ein Hans Jakob Nägeli vieren seiner neugeborenen Söhne hintereinander seinen eigenen Vornamen, bis der letzte überlebte und die Familientradition fortsetzte.

Nicht zuletzt fällte Keller-Escher moralische Urteile und legte seine Sympathien und Antipathien offen. Den Kaufmann Jakob Georg Finsler (1822-1888) schätzte er als «noble[n] Charakter» und «konservative[n] Zürcher gediegenster Art». Wer aber war seiner Meinung nach ein «politischer Intrigant erster Güte, aber kein ehrenwerter Charakter»? Finden Sie es selbst heraus! Die Transkriptionen sind auf e-manuscripta im Volltext durchsuchbar.

Dr. Stefan Wiederkehr
Chefbibliothekar Spezialsammlungen / Digitalisierung