Ins Licht gezeichnet. Scheibenrisse von Amman bis Füssli
Scheibenrisse sind Entwurfszeichnungen für Glasmalereien. Ein Scheibenriss legt das Bildprogramm mit dem Stifterwappen fest. Im 16. und 17. Jahrhundert erlebte die Produktion von kleinformatigen Glasmalereien eine Hochblüte. Die Glasgemälde aus dieser Zeit gelten als schweizerische und süddeutsche Eigenheit. Hintergrund für ihr Aufkommen war die Sitte der gegenseitigen Wappenscheiben- und Fensterschenkungen. Die Scheibenrisse kamen einem Bauzuschuss gleich und beförderten den Ersatz von feuergefährdeten Holzbauten durch Steinhäuser. Und obwohl sie über ihre dienende Funktion hinaus oft genug von hohem künstlerischen Wert sind, werden diese relativ selten ausreichend gewürdigt.
Die Ausstellung zu den Scheibenrissen fand als erstmalige Kooperation von vier Zürcher Häusern statt: der Graphischen Sammlung ETH Zürich, dem Kunsthaus Zürich, dem Schweizerischen Nationalmuseum sowie der Zentralbibliothek Zürich.
Die Wiedereröffnung der Ausstellungshäuser im Frühling 2022 nach der Pandemie führte zu einer grossen Konkurrenz in der Berichterstattung in Fachpublikationen und in der Tagespresse. Aus diesem Grund wurde die Ausstellung nur von 570 Besucherinnen und Besuchern besichtigt. Der niedrigen Besucherzahl stand das positive Echo in der Fachwelt gegenüber. So wurden Mylène Ruoss und Jochen Hesse eingeladen, das Ausstellungsprojekt an der Jahrestagung der Leiterinnen und Leiter von Graphischen Sammlungen im deutschsprachigen Raum in Frankfurt am Main vorzustellen.
Lobende Worte für die innovative Wissensvermittlung erhielt die Ausstellung aufgrund der Verwendung von «Artifact», einer Augmented Reality App. Vom Game Technology Center der ETH Zürich entwickelt und von der Gesellschaft von Freunden der Zentralbibliothek (GFZB) finanziert, war die App ein ideales Instrument, um Vergleiche zu Glasgemälden oder zu Vorlagen für die Scheibenrisse zu ziehen, die aus finanziellen oder aus Platzgründen in der Ausstellung nicht im Original gezeigt werden konnten. Die Begleitpublikation zur Ausstellung stiess in der Forschungsgemeinschaft auf ein positives Echo. In der «Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte» sowie in der «Kunstchronik» erschienen Buchbesprechungen.
Auf grossen Widerhall stiessen auch die gut besuchten Begleitveranstaltungen. Besonders hervorgehoben wurde die Möglichkeit, die Glasgemälde wie im Kreuzgang des Klosters Wettingen am ursprünglichen Standort zu bewundern. Aufschlussreich, da sie Einblicke in die Produktion von Glasscheiben bot, war die Führung durch das Atelier der Firma Glas Mäder in Rüschlikon, welche 2009 mit der Umsetzung der Glasfenster von Sigmar Polke im Grossmünster in Zürich beauftragt worden war. Einen Primeur besonderer Art bot Achim Riether, Kurator für Deutsche Zeichnung und Graphik bis 1799 an der Staatlichen Graphischen Sammlung München, mit einem Einblick in seinen Bestandskatalog der Schweizer Scheibenrisse, der 2023 erscheinen wird. Insofern lag die Wahl des Ausstellungsthemas durchaus im Trend.
Dr. Jochen Hesse
Leiter Graphische Sammlung und Fotoarchiv
«Ins Licht gezeichnet. Scheibenrisse von Amman bis Füssli»
Schatzkammer der Zentralbibliothek Zürich
18. März – 2. Juli 2022




