Projekte

Virtuell wiedervereinigen

Wie das ZB-Lab mit den Spezialsammlungen einen Gesamtüberblick über die Zeichnungen aus dem Lavater-Kabinett erstellte. Ein Werkstattbericht

Manchmal staunt man, wie Bestände oder Sammlungen in einer grossen Bibliothek überliefert sind. Die Wege der Überlieferung sind wie die Arme eines mäandrierenden Gewässers, das sich seinen Weg durch die Zeit bahnt. Es gab gute Gründe dafür, dass Teile von dem, was uns heute als zusammengehörig erscheint, an verschiedenen Orten und in verschiedenen Sammlungen Einzug hielten.

In der Zentralbibliothek Zürich sind rund 1200 Bilder und Grafiken von Johann Caspar Lavaters (1741-1801) Physiognomischen Kabinetts überliefert. Es handelt sich hierbei um eine einzigartige Sammlung von Ölgemälden, Kupferstichen, Radierungen, Holzschnitten sowie Kreide- und Federzeichnungen, die Lavater mit Anmerkungen und Erläuterungen ergänzte. Sie komplementiert seine Überlegungen zur Physiognomik, wie er sie in seinen «Physiognomischen Fragmenten, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe» niedergelegt hat.

Das Forschungsprojekt «Johann Caspar Lavater: Physiognomisches Kabinett Digital» macht die Sammlung von Bleistift- und Rötelzeichnungen und Druckgrafiken durch eine systematische Erschliessung und Digitalisierung zugänglich. Es stellte sich heraus, dass ein Teil der Druckgrafiken bereits auf e-rara publiziert ist, ein viel grösserer Teil aber als Handzeichnungen auf e-manuscripta veröffentlicht werden sollte. Darüber hinaus befinden sich über 9000 Einzelwerke in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien.

  • Abb. 1: Ansicht im Universal Viewer
  • Abb. 2: Die Miniaturansicht im Universal Viewer zeigt die Dokumentstruktur und liefert eine Gesamtübersicht.

Doch wie können wir wieder zusammenführen, was sich derart verästelt hat? Dem Forschungsprojekt kommt die wichtige Aufgabe zu, möglichst alle Teile der Sammlung ausfindig zu machen und letztlich auch zusammenzuführen.

Zusammenführen

Heute ist es dank dem International Image Interoperability Framework, kurz IIIF, möglich, die zur Sammlung gehörenden Bilder zusammenzufügen, ohne dass wir die Sammlungslogik stören müssen. Denn für jedes Objekt, das auf e-rara und e-manuscripta publiziert ist, gibt es ein sogenanntes IIIF-Manifest, das es erlaubt, das Werk mit all seinen Bildern und Metadaten in einer anderen Umgebung zu betrachten oder einzubinden. Das Zusammenführen von verteilten Dokumenten ist prinzipiell nicht schwierig, da dies im Kern von IIIF so angelegt ist. In der praktischen Umsetzung mussten wir aber dennoch eine Reihe von Fragen stellen, deren Beantwortung für uns eine Herausforderung darstellte.

IIIF-Manifest oder Collection?

Die allererste und wichtigste Frage war, was wir erstellen möchten. Ein neues Werk, das sämtliche Bilder umfasst? Oder lieber eine IIIF-Collection, in der sämtliche Bilder als Werke enthalten sind? Die zweite Variante hätte das Vorhaben von der Logik her besser abgebildet. Doch aus Gründen der Präsentation und Nutzbarkeit haben wir uns für die erste entschieden. Es sollte ein grosses IIIF-Manifest erstellt werden, in dem alle dem Kabinett zugehörigen Bilder enthalten sind.

Das IIIF-Manifest des ZB-Teils der Sammlung haben wir mit Hilfe eines Python-Skripts erstellt, das die Seiten aller Einzelressourcen (die bereits als IIIF-Manifest vorlagen) zusammenführt. Eine zentrale Herausforderung war dabei, dass die zusammengehörenden Ressourcen kein gemeinsames identifizierendes Metadatenmerkmal haben, über welches wir die Dokumente hätten abfragen können. Die Sammlung wird in verschiedenen Systemen (Alma und CMI) erschlossen. Jedoch kamen wir mit Hilfe des Daten-Know-Hows in der Graphischen Sammlung sowie der Handschriftenabteilung zum Ziel.

Publizieren

Da so aber ein neues, virtuell erzeugtes Werk entstanden ist, mussten wir dieses auch als solches ausweisen. Wir haben die Metadaten für dieses Manifest erstellt und nach Wegen gesucht, dass die Metadaten, die vormals auf Werkebene gespeichert waren, nun auf der Ebene einer Seite gespeichert und dargestellt werden können. Dabei haben wir viel über IIIF und die unterschiedliche Darstellung von Metadaten im Mirador Viewer und Universal Viewer gelernt.

Abb. 3: Auf Dokument-Ebene (rechts oben) wird eine virtuell zusammengeführte Sammlung dargestellt und beschrieben. Auf der Seiten-Ebene (rechts unten) sind Metadaten und ein Link auf das Originaldokument enthalten.

Dort, wo üblicherweise die Seitenzahl genannt wird, steht nun der Werktitel, um eine bessere Nachvollziehbarkeit zu gewährleisten. In den seitenbeschreibenden Metadaten finden sich die werkbezogenen Metadaten mit einem Link auf das Dokument auf e-rara oder e-manuscripta. Somit kann nun die gesamte Zürcher Sammlung des Kabinetts im Universal Viewer oder im Mirador Viewer betrachtet werden. Die Bilder werden direkt von den entsprechenden Plattformen abgerufen. Die Metadaten wurden gesammelt und als Manifest neu publiziert. Besonders aufschlussreich ist die Kachelansicht, in der man sich rasch einen Überblick verschaffen kann.

Eine Frage aber haben wir offen gelassen. Sollten wir das neu erstellte, virtuelle Werk auch in unseren Katalog aufnehmen? Darüber müssen wir uns erst noch eine Meinung bilden.

Dr. Elias Kreyenbühl
Mitarbeiter Innovation und ZB-Lab