Projekte

Die ersten Willy-Bretscher-Fellows in der ZB Zürich

Von Büchern und Statistiken

Joël Floris und Miriam Leimer im Themenraum Turicensia (Bild: ZB Zürich, R. Patterson)
Joël Floris und Miriam Leimer im Themenraum Turicensia (Bild: ZB Zürich, R. Patterson)

Anfangs April 2022 erlebte die Zentralbibliothek Zürich eine tolle Premiere: Erstmals konnte sie eine Wissenschaftlerin und einen Wissenschaftler in ihren Räumen begrüssen, die dank dem Willy-Bretscher-Fellowship in der ZB Zürich ihre Forschung aufnahmen. Die beiden Fellows, Miriam Leimer und Joël Floris, setzten sich in ihren Projekten mit ausgewählten Beständen der ZB Zürich auseinander und werden ihre gewonnenen Erkenntnisse mit Forschung und Wissenschaft sowie der breiten Öffentlichkeit teilen. Beide Projekte wurden jeweils in einem «Zürich-Beitrag» auf der ZB-Webseite dokumentiert.

Die langen Wege der Bücher

Miriam Leimer kam als Promotionsstudentin im Fach Kunstgeschichte an der Uni Hamburg mit einem Projekt zur «Russischen Bibliothek Zürich» (RBC) in die ZB Zürich. Joël Floris arbeitete als Oberassistent am Historischen Seminar der Universität Zürich und untersuchte in seinem Vorhaben die Auswirkungen der Spanischen Grippe 1918 in Stadt und Kanton Zürich. Während Joël vor allem statistische Berichte und Tabellen auswertete, welche die ZB Zürich im Vorfeld des Fellowships digitalisiert hatte, durchforstete Miriam das Archiv und die Bestände der RBC, die seit 2002 zum Bestand der ZB Zürich gehören. Gleichermassen spannend und berührend war für Miriam die Erhellung der Provenienz der Bücher. «Viele Titel», so Miriam, «wurden antiquarisch erworben». Und sie fährt fort: «Ex Libris, Aufkleber, Stempel und handschriftliche Vermerke verweisen auf die lange Reise einiger Bände. Da gibt es etwa den Aufkleber einer Buchhandlung in Riga oder den Stempel einer Bibliothek in Harbin, einer Stadt, die heute in China liegt. Und auch innerhalb der Schweiz sind viele der Bände durch mehrere Hände gegangen. Ein Buch gehörte etwa vorher einer Gruppe ukrainischer anarchistischer Kommunisten, ein anderes dem Pensionnat Russe Suisse in Montreux. Die Bücher erzählen somit gleich zwei Geschichten: die ihres Inhaltes – und die ihrer Herkunft.»

Superspreader-Ereignisse schon 1918?

Joël stiess bei seinen Recherchen ebenfalls auf ein spannendes Phänomen: auf Superspreader-Ereignisse, die uns seit Corona ja leider nur allzu geläufig sind. Es gab sie wohl auch schon früher, vermutet Joël: «Im Kanton Zürich zeigt sich für die Pandemie 1918 ein Nord-Süd-Gefälle in der Übersterblichkeit. Die nördlichen Bezirke scheinen stärker betroffen zu sein. Ich habe noch keine Erklärung dafür. Während COVID-19 wurde viel über Superspreader-Ereignisse diskutiert. Solche Diskussionen habe ich bei der Spanischen Grippe nicht gefunden, ausser natürlich beim Landesstreik im November 1918, wo sich die politischen Akteure gegenseitig die Schuld für die vielen erkrankten Soldaten gaben. Vielleicht sollte man sich auch für historische Pandemien auf die Suche nach möglichen Superspreader-Ereignissen machen. Aber das ist vorerst nur eine Vermutung.»

Ausbau des akademischen Netzwerks und sehr gute Unterstützung durch die ZB

Neben den spannenden Einblicken und vielen neuen Erkenntnissen konnten beide Fellows aber auch neue Beziehungen in der akademischen Welt aufbauen. Miriam knüpfte Kontakte zum Slavischen Seminar und zur Abteilung für Osteuropäische Geschichte an der UZH und vernetzte sich mit der schweizerischen Osteuropabibliothek der UB Bern und einem Lausanner Forschungsprojekt. Joël nahm an verschiedenen Tagungen teil und organisierte im November 2022 in der Bibliothek selbst einen Workshop zum Thema «Historische Daten-Visualisierungen in Wissenschaft, Kultur und Medien» an dem er sein Netzwerk ausbauen konnte.

Beide Fellows betonten, dass sie von der ZB Zürich sehr gut unterstützt wurden. Das betrifft nicht nur die Bereitstellung der zu erforschenden Bestände und den bestandsspezifischen Austausch, sondern auch etwa die gemeinsame Textredaktion. Insbesondere Joël fiel beim Schreiben seines Blogs und des Zürich-Beitrags auf, dass sich Gedanken und Formulierungen schärfen, wenn man einen guten Redakteur oder Redakteurin hat: «Gute Texte entstehen im Tandem», so Joël Floris. «Ganz wunderbar», fasst Miriam die angebotene Unterstützung zusammen, als «grossartig» charakterisiert sie Joël. Für die ZB Zürich muss dieses Lob Ansporn sein, auch zukünftigen Fellows ein gutes und produktives Forschungsumfeld zu bieten.

Miriam Leimer über ihr Fellowship

Play Audio

Pause Audio

Miriam Leimer: «Die Russische Bibliothek Zürich (RBC): Geschichte und Geschichten»

Im Rahmen des Fellowships habe ich mich mit dem Archiv und den Beständen der Russischen Bibliothek Zürich (RBC) beschäftigt. Die RBC war ein 1927 von Russlandschweizerinnen und Russlandschweizern gegründeter Verein, der in Zürich eine Bibliothek mit russischsprachigen Titeln betrieb. Nach der Auflösung des Vereins 1983 gingen das Archiv und die Bücherbestände zunächst an das Slavische Seminar der Universität Zürich, bevor sie 2002 als Schenkung in die ZB Zürich gelangten.

Zu den Mitgliedern gehörten neben Schweizerinnen und Schweizern auch Angehörige unterschiedlicher slavischer Nationen, darunter prominente und kontroverse Figuren wie die Ärztin und Anarchistin Paulette Brupbacher, der konservative Religions- und Staatsphilosoph Ivan Ilʹin und der Literaturnobelpreisträger Aleksandr Solženicyn. Der Bücherbestand von rund 6000 Titeln – vornehmlich russischsprachige Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, kulturhistorische Abhandlungen, Memoiren und Biografien sowie etwa 300 teils reichillustrierte Kinderbücher – ist als abgeschlossene Sammlung mit der Signatur «RBC» nachgewiesen.

Eine eingehende Auseinandersetzung mit der RBC als Stadtzürcher Verein sowie mit ihrem einzigartigen, noch gänzlich erhaltenen Bestand war bisher nicht erfolgt. Daher ging es bei meinem Projekt darum, ein möglichst detailliertes Bild über die Vereinsaktivitäten, die Mitgliederstruktur und die Zusammensetzung der Bücherbestände zu gewinnen. Neben der ZB Zürich habe ich dazu auch am slavischen Seminar der UZH Recherchen durchgeführt. Hilfreich waren zudem die Gespräche mit ehemaligen Mitgliedern des Vereins. Ergänzend habe ich historische Presseartikel, Zeitdokumente wie Adressbücher und Stadtführer und monographische Angaben zu einzelnen Mitgliedern oder Titeln herangezogen.

Als Resultat ist der Zürich-Beitrag «Die Russische Bibliothek Zürich (RBC): Geschichte und Geschichten» entstanden. Er umfasst die Geschichte des Vereins und Einblicke in den Bibliotheksbetrieb. Zudem werden wichtige Mitglieder sowie beispielhafte Titel vorgestellt.

Joël Floris über sein Fellowship

Play Audio

Pause Audio

Joël Floris: Die spanische Grippe erzählen

In meinem Projekt untersuchte ich demographische Daten aus digitalisierten statistischen Publikationen der Stadt und des Kantons Zürich aus den Jahren 1910 bis 1925 und die Berichte aus den Zürcher Gemeindechroniken und Zürcher Zeitungen von 1918. Ziel war es, die Auswirkungen der Spanischen Grippe von 1918 auf die Zürcher Gesellschaft zu untersuchen. Konkret ging es um die Auswirkungen der Spanischen Grippe von 1918 auf die Sterblichkeit, die Erkrankungsrate, die Eheschliessungen und die Geburten in der Stadt Zürich und im Kanton Zürich. Zu den lokalen Auswirkungen der globalen Pandemie von 1918 bestehen in der schweizerischen Literatur nach wie vor Forschungslücken. Die statistischen Publikationen von Stadt und Kanton Zürich wurden für das Projekt vom Digitalisierungszentrum der ZB Zürich digitalisiert und auf der Zurich Open Platform (ZOP) öffentlich zugänglich gemacht. Die Zürcher Gemeindechroniken waren bereits vor Projektbeginn in digitalisierter Form auf e-manuscripta und die Zürcher Zeitungen auf e-newspaperarchives verfügbar. Die Analyse ist noch nicht abgeschlossen. Die historischen Daten wurden vorerst vor allem quantitativ analysiert – gleichzeitig wurden sie in enger Verbindung mit der Literatur gelesen, in den historischen Kontext gestellt und unter Berücksichtigung der Einschränkungen der verwendeten Quellen interpretiert. Vorläufige Ergebnisse zeigen, dass im Kanton Zürich für die Pandemie von 1918 ein Nord-Süd-Gefälle in der Übersterblichkeit zu beobachten ist. Die nördlichen Bezirke scheinen stärker betroffen zu sein. Auch für Zürich zeigt sich, dass die Bevölkerung 1920 noch von einer stärkeren Influenza-Welle betroffen war und dass die Influenza in den 1920er Jahren in eine endemische saisonale Winterkrankheit überging.

Das Willy-Bretscher-Fellowship

Das Forschungsstipendium des Willy-Bretscher-Fellowships ist mit CHF 4000 pro Monat dotiert und wird aus einem grosszügigen Legat der Witwe von Willy Bretscher, Dr. Katharina Bretscher-Spindler, finanziert. Die jeweils per Ende September einzureichenden Projektanträge werden von einer Auswahlkommission, bestehend aus Angehörigen der ZB Zürich und der Universität Zürich, beurteilt. Die ausgewählten Fellows erhalten während drei bis zwölf Monaten Freiraum, um sich ganz auf ihr Projekt konzentrieren zu können. Gefördert werden Vorhaben, die einen Digital-Humanities-Ansatz verfolgen, einen zeitlichen Schwerpunkt im 20. Jahrhundert setzen und sich auf Bestände oder Daten der ZB Zürich stützen. Weitere Informationen finden sich hier.

Mit der Stipendiumsvergabe nimmt die ZB Zürich ihre Rolle als Partnerin der Forschung und ihre Aufgaben und Funktionen als geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsbibliothek wahr.

PD Dr. Jesko Reiling
Abteilungsleiter Digitale Produktion und Plattformen