Die Ausstellung «Wissensräume – Zürcher Bibliotheksbauten im Wandel der Zeit»
Am Beispiel der Zentralbibliothek Zürich (ZB) und ihren Vorgängerinstitutionen blickte die Ausstellung vom 15. März bis 29. Juni 2024 auf über 1000 Jahre Zürcher Bibliotheksgeschichte zurück. Sie veranschaulichte eine Entwicklung von der nur für wenige zugänglichen Klosterbibliothek des Mittelalters über die vor allem auf Selbstrepräsentation der Eliten ausgerichtete Bürgerbibliothek der frühen Neuzeit bis zur modernen, für alle Menschen offenen Bibliothek. Im Fokus standen dabei vor allem die baulichen Veränderungen der Bibliothek.
Veränderung als Charakteristikum der Bibliotheksgeschichte
Dass sich Bibliotheken verändern müssen, um den zeitspezifischen Anforderungen an die Zugänglichkeit von Wissen zu entsprechen, ist keine neue Entwicklung. Dies gilt sowohl für die Inhalte, die von den Bibliotheken aufbewahrt und bereitgestellt werden, als auch für die Bibliotheksbauten selbst: Seit dem Mittelalter werden in Zürich und anderswo Bibliotheken neu gebaut und erweitert oder bestehende Gebäude werden zu Bibliotheken umgenutzt, um damit jeweils zeitgemässe Wissensräume zu schaffen. Die laufenden Umbau- und Sanierungsarbeiten im Predigerchor waren daher ein Anlass, um auf die zahlreichen baulichen Veränderungen zurückzublicken, die die ZB im Laufe ihrer langen Geschichte erlebt hat. Auch diejenigen Institutionen, aus deren Zusammenschluss die ZB 1914 hervorgegangen war, wurden in diesen Rückblick eingeschlossen. Die Bauvorhaben, die die ZB aktuell gerade umsetzt, waren ebenfalls ein Thema der Ausstellung: Es wurde veranschaulicht, welche Visionen bezüglich Aussehens und Funktion der Bibliothek durch diese Umbauten und Sanierungen Realität werden sollen. Gezeigt wurden wertvolle Bücher, prächtige Gemälde, Baupläne, charakteristische Objekte und zahlreiche Fotografien.
Der Weg zur modernen Bibliothek
In der Ausstellung wurde eine Geschichte erzählt, die vor über 1000 Jahren begann, als im Grossmünsterstift eine Bibliothek eingerichtet wurde. Diese Bibliothek existierte rund 900 Jahre lang und war die älteste der Vorgängerinstitutionen der Zentralbibliothek. Ihre Büchersammlung bildete den Grundstock der 1835 gegründeten Kantonsbibliothek, die 1917 schliesslich in der Zentralbibliothek aufging. Der zwischen 1482 und 1522 errichtete Bibliotheksraum im Nordwesttrakt des Stiftsgebäudes war der erste grössere Bibliotheksneubau in Zürich und diente dieser Büchersammlung bis zur Auflösung des Stifts 1832 als Heimat.
Die Bürger- bzw. Stadtbibliothek in der Wasserkirche prägte von 1629 bis 1917 das intellektuelle Leben Zürichs massgeblich. Ihr universelles Sammlungskonzept, das auch Kunstobjekte und Naturalien umfasste, machte sie neben ihrer Funktion als Bibliothek zum ersten Museum Zürichs. Den herrschenden Familien der Limmatstadt diente sie als Ort der Selbstrepräsentation, was sich besonders im 1720 abgeschlossenen Umbau zur prächtigen Saalbibliothek manifestierte.
Die im Kontext des liberalen Umsturzes von 1830 als Nachfolgerin der Stiftsbibliothek im Grossmünster gegründete Kantonsbibliothek hatte vornehmlich die Aufgabe, die Universitätsangehörigen und die Angehörigen anderer staatlicher Bildungseinrichtungen kostenlos mit Literatur zu versorgen. Ihre Gründung war somit ein wichtiger Meilenstein im Prozess der Demokratisierung der Bildung. Aus baulicher Sicht waren für sie vor allem zahlreiche Standortwechsel charakteristisch: Von ihrer Gründung 1835 bis zur 1917 abgeschlossenen Fusion mit der Stadtbibliothek zur Zentralbibliothek wechselte sie insgesamt viermal ihren Standort. Ab 1873 war sie im Predigerchor untergebracht, der heute zum Gebäudeensemble der Zentralbibliothek gehört und im vergangenen Jahr fertig renoviert worden ist.
Eine Bibliothek für alle Menschen
Mit der in den Jahren 1914-1917 vollzogenen Fusion von Kantons- und Stadtbibliothek entstand die heutige Zentralbibliothek. Der Ruf nach einer einzigen, zentralen Bibliothek für Zürich kam vor allem aus der Professorenschaft der Universität. Trotzdem setzten sich am Ende diejenigen Stimmen durch, die eine Bibliothek wollten, die sowohl den Ansprüchen der Hochschulangehörigen Rechnung tragen als auch die Bildungsbedürfnisse der gesamten Bevölkerung durch die kostenfreie Bereitstellung wissenschaftlicher Literatur wecken und fördern sollte. Auch der für die neue Bibliothek gewählte Baugrund auf dem heutigen Zähringerplatz – quasi im Herzen der Stadt – unterstrich den Anspruch, eine Bibliothek für alle Menschen zu sein. Die Zürcher Bevölkerung stimmte dem Vorhaben in einer Volksabstimmung zu.
Der 1917 fertiggestellte Bibliotheksneubau war hauptsächlich auf Funktionalität ausgerichtet und orientierte sich in erster Linie an den drei Kernaufgaben der Bibliothek Lagerung, Buchbearbeitung und Benutzung: Im Zentrum der neuen Bibliothek lag der repräsentativ ausgestattete Lesesaal. Um diesen Raum herum gruppierten sich das auf den Zähringerplatz ausgerichtete Verwaltungsgebäude und die Büchermagazine entlang der Mühlegasse und der Chorgasse. Die Predigerkirche bildete den Abschluss des Gebäudeensembles.
Eine umfassende Neugestaltung
Die schwindenden Platzreserven führten in den 1960er Jahren zu ersten konkreten Vorstössen für einen Erweiterungsbau. 1979 wurde ein erster Entwurf vorgelegt. Sein Kernpunkt war eine Verlegung der Büchermagazine unter die Erde, so dass der überirdische Bereich vollständig für die Benutzung und die Bibliotheksverwaltung zur Verfügung stand. 1986 wurde das Vorhaben von der Stimmbevölkerung bewilligt. 1990 begannen die Bauarbeiten zur umfassenden Neugestaltung der ZB: Die alten Magazinbauten und der alte Lesesaal wurden abgerissen. Nur das ehemalige Verwaltungsgebäude (heute als Altbau bezeichnet) blieb stehen. An diesen wurde ein neuer Publikationstrakt mit dem Katalogsaal im Parterre und den Lesesälen im ersten Stock angebaut. Entlang des Seilergrabens entstand der neue Verwaltungstrakt. Die Büchermagazine wurden in fünf unterirdischen Stockwerken unter dem Publikumstrakt eingebaut. Die ZB erhielt ihr heutiges Aussehen.
Dezentralisierung als Ausweg aus der Platznot
Das Problem der Platznot hatte der Erweiterungsbau allerdings nur kurzfristig gelöst. Bereits 20 Jahre nach seiner Fertigstellung mussten neue Lösungen gefunden werden. Da am Hauptstandort in der Altstadt keine weiteren Magazinbauten möglich waren, blieb nur Dezentralisierung als Lösung: Gemeinsam mit anderen Bibliotheken entschied sich die ZB für den Bau einer Kooperativen Speicherbibliothek im luzernischen Büron. 2013 begannen die Bauarbeiten und seit 2016 finden in dem modern ausgerüsteten, teilweise automatisch bewirtschafteten Hochregallager Millionen von Bänden Platz. Zusätzlich sorgte die ZB 2016 mit der Einrichtung eines weiteren Aussenmagazins in Oetwil am See für zusätzliche Entlastung des Hauptstandortes. Auch in Zukunft werden bauliche Veränderungen notwendig sein, um die Nutzungsbedingungen für die jeweilige Kundschaft zu optimieren. Wie die ZB der Zukunft aussehen könnte, verrieten von einer KI generierte Bilder in der Ausstellung.
Gunnar Dalvit
Kurator der Ausstellung Wissensräume
Wissenschaftlicher Mitarbeiter













