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Naturwahrheit oder Bildmontage?

Das Photochrom als Bildquelle zwischen analoger Bildbearbeitung und digitaler Verbreitung.

«Originalaufnahmen. Unveränderliche Landschafts- und Städtebilder. Schweiz – Italien – Riviera – Belgien – Holland – Aegypten – Norwegen» – so bewarb einst ein Verkaufskatalog der Zürcher Firma Photoglob Co. deren gedruckte Ansichten, verbunden mit dem Nachsatz: «Die Collection wird laufend erweitert» (Abb. 1). Der Katalog stammt aus dem Jahr 1896 und befindet sich heute neben zahlreichen weiteren Verkaufsbroschüren in der Abteilung Graphische Sammlung und Fotoarchiv der Zentralbibliothek Zürich (Abb. 2–4). Die Sammlung erhielt zwischen 1892 und 1914 jeweils die Jahresproduktion mit Ausnahme der Grossformate als Geschenk und besitzt über 10.000 Photochromdrucke. Die Ansichten in verschiedenen Formaten zeigen Orte aus der Schweiz und vielen anderen Ländern, ausserdem umfasst die Sammlung zahlreiche weitere Bildmotive wie Schiffe oder Gemäldereproduktionen, und schliesslich auch einige Alben mit eingeklebten Photochromdrucken. Ergänzt werden die Drucke mit Dokumentationsmaterial der Firma wie den Verkaufsprospekten und dem Photoglob Bulletin, einer zwischen 1896 und 1906 erschienenen Zeitschrift für Amateurfotografie.

Abb. 1-4: Verkaufskataloge von Photoglob aus den Jahren 1896, 1898 und 1901.

Seit Anfang 2024 werden die Metadaten dieser Photochromdrucke in den schweizerischen Online-Bibliothekskatalogen Swisscovery und Swisscollections sowie der Plattform e-rara überarbeitet. Dies wurde notwendig, da seit der ursprünglichen elektronischen Erschliessung neue Katalogisierungsstandards, Schlagwortkataloge und Plattformen zur Verbreitung der Kunstwerke eingeführt wurden und inzwischen auch eine Neudigitalisierung des Bildmaterials nötig wurde. Verbesserte Digitalisierungstechnik und erhöhte Speicherkapazitäten ermöglichen nun eine viel höher auflösende Darstellung als zuvor. Zudem sind der für diesen Bestand vor allem relevante geografische und der Sachschlagwortkatalog der Gemeinsamen Normdatei (GND) in den vergangenen Jahren immer weiter vergrössert und verbessert worden, wodurch das Finden der Motive im Internet erleichtert wird und Ergebnisse besser mit anderen Einträgen vernetzt werden. Beste Voraussetzungen also, dieses einst und heute beliebte Bildmedium in neuem Glanz digital zu präsentieren.

Das Photochrom war ein äusserst populäres Massenmedium des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Die bunten Bilder mit pittoresken Ansichten der Schweiz und anderen Ländern waren sehr beliebt und ein weltweiter Verkaufsschlager. Dies wird auch im Photochrom selbst festgehalten, wenn auf einer Ansicht von Lauterbrunnen mit dem Staubbachfall im Hintergrund – einem sehr beliebten Photochrom-Motiv – rechts vorne ein Verkaufsstand mit Ansichten zu erkennen ist (Abb. 5 und 6). Tourist*innen konnten hier vor Ort ein Bild als Souvenir mitnehmen, die Photochrom-Ansichten konnte man per Katalog aber auch von zuhause aus bestellen ohne je vor Ort gewesen zu sein müssen.

Links (Abb. 5): Lauterbrunnen. Dorfstrasse mit Staubbach, 1901, Photochrom, Nr. 16897 // Rechts (Abb. 6): Lauterbrunnen. Dorfstrasse mit Staubbach, 1901, Photochrom, Nr. 16897, Detail

Effet de Nuit: Der Reichenbachfall «en nature» und in «shocking pink»

Nicht nur der touristische Blick auf verschiedene Länder und die Schönheit ihrer Städte und Landschaften prägte die Aufnahmen, sondern auch und vor allem ihre Buntheit – die zugrundeliegenden Schwarz-Weiss-Fotografien wurden mittels eines komplexen lithografischen Verfahrens sehr aufwendig durch mehrere Lithosteine eingefärbt. Mit dem Entstehungsprozess dieser Nachfärbung sowie deren Rezeption als «artifizielle Naturwahrheit» hat sich die Kunsthistorikerin Daniela Wegmann in ihrer Dissertation von 2016 eingehend beschäftigt. Zum 500jährigen Jubiläum von Orell Füssli hat Wegmann die Geschichte dieses speziellen Bildherstellungsverfahrens, das 1888 vom «Art Institut Orell Füssli» patentiert wurde, zusammenfassend beschrieben und das Photochrom als Vorläufer von Instagram interpretiert: «Schliesslich wurde die Technik nach 1900 vermehrt zur Produktion von Postkarten verwendet, die an Leute geschickt und somit auch ‹geteilt› wurden.» (S. 125). Im Bereich der Postkartenproduktion um 1900 hat der Fotohistoriker Anton Holzer am Beispiel der «Konstruktion der Donau» auf die spezifischen Farb- und Bildbearbeitungspraktiken für dieses Medium hingewiesen, die auch für das Photochrom gelten: «Die Bilder, die auf den Markt kamen, waren (…) bearbeitete und nachbearbeitete, mithin hochgradig synthetische Bilder, die bühnenartig zusammengesetzt und montiert wurden.» (S. 58).

Anschaulich wird das farbmanipulative Verfahren in einer – angeblichen – Tag- und Nachtansicht des Reichenbachfalls (Abb. 7 und 8). Während Bild Nr. 16874 den schäumenden Wasserfall in blendendem Weiss herabstürzen lässt, wird das Naturschauspiel in Nr. 16920 in nächtliches Licht getaucht und das Wasser in knalligem Pink hervorgehoben. Der Bildausschnitt ist nur wenig verändert, bei beiden Bildern handelt es sich wohl um Tagaufnahmen, die aber durch die Farbigkeit völlig unterschiedlich inszeniert wurden.

Links (Abb. 7): Hasli. Oberer Reichenbachfall, 1901, Photochrom, Nr. 16874 // Rechts (Abb. 8): Hasli. Oberer Reichenbachfall, 1901, Photochrom, Nr. 16920

Dazu nochmals Daniela Wegmann: «Das Photochrombild war eigentlich eine Tageslichtaufnahme und wurde mit einem Filter bearbeitet, der damals als ‹effet de nuit› (Nachteffekt) bezeichnet wurde und äusserst populär war.» (S. 125). Die vorgeblichen Nachtaufnahmen wurden somit künstlich erstellt. Auf den Rückseiten von manchen Photochroms finden sich auch Druckanweisungen zur Anpassung von einzelnen Farben, zum Beispiel auf einer Ansicht von St. Moritz, wo «behufs Verbesserung des Kirchthurms» eine Anpassung des Grautons vorgeschlagen wird. In der Neuen Zürcher Zeitung vom 4. September 1889 freute man sich zwar über die «farbigen Lichtbilder» – die Entwicklung der tatsächlichen Farbfotografie sollte jedoch noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Aber nicht nur die Farbgebung wurde erst nachträglich ins Bild gebracht, es wurden auch mithilfe von Ausschnitten aus anderen Fotografien zusätzliche Figuren in die Bilder eingefügt.

Retusche, Staffage und Montage


Aber nicht nur die Farbgebung wurde erst nachträglich (in oftmaliger Unkenntnis der tatsächlichen Licht- und Farbverhältnisse bei der jeweiligen Aufnahme) ins Bild gebracht, es wurden auch mithilfe von Ausschnitten aus anderen Fotografien zusätzliche Figuren in die Bilder eingefügt. Bei einigen Photochroms sind derlei Bildmontagen gut ersichtlich, wenn die Proportionen der hinzugestellten Figuren auf einer Dorfstrasse oder Deckpromenade nicht mit den anderen stimmig sind (Abb. 9 und 10). Dies erklärt sich wohl aus dem limitierten verfügbaren Figurenbestand, der nicht für jedes Bild hundertprozentig Passendes bereithielt.

Links (Abb. 9): Brienz. Hauptstrasse, zwischen 1895 und 1914, Photochrom, Nr. 17801. // Rechts (Abb. 10): Norddeutscher Lloyd, Reichspostdampfer «Kaiserin Maria Theresia», Deckpromenade, zwischen 1899 und 1914, Photochrom, Nr. 17207.

Das Hinzufügen von Staffagefiguren in Landschaftsdarstellungen ist eine alte Praxis, die in gedruckten Ansichten des 18. und 19. Jahrhunderts zur Perfektion gebracht worden war. Rückenfiguren und dekorativ in die Landschaft gesetzte Spaziergänger*innen, Bauern, Tiere oder Trachtenfiguren gehörten zum gängigen Repertoire, um die Betrachtenden ins Bild hineinzuziehen, Grössenverhältnisse zu veranschaulichen und die manchmal etwas eintönigen Landschaftsstriche mittels der Staffagefiguren zu strukturieren. Auch im Photochrom wurden Menschen, Tiere und Objekte zur Belebung eingefügt, deren Proportionen sich jedoch in vielen Bildern voneinander unterscheiden und die Photochroms aus heutiger Sicht – zusätzlich zur oft unnatürlich wirkenden Farbigkeit – eigenartig und künstlich erscheinen lassen. Zum Teil ergeben sich durch die Bildbearbeitungen eigentümliche Effekte wie vermeintlich schwebende Stege auf einem Gletscher, die äusserst abenteuerlich anmuten. Auch in der ursprünglichen Verbreitungszeit muss dies aufgefallen sein, störte aber offenbar nicht weiter. Das Retuschieren oder auch das bewusste Hinzufügen von Wolken waren weitere gängige Praktiken einer Bildbearbeitung avant la lettre, lange bevor digitale Bildbearbeitungsverfahren und künstliche Intelligenz eingesetzt wurden.

Der Wiener Naschmarkt als Suchbild

1917, als die Produktion der Photochroms schon längst eingestellt war, bewarb man in der Schweizer Schule die Photochromdrucke als Unterrichtsmittel mit dem Hinweis auf ihren Quellenwert für vielfältige Aspekte des damaligen Geografie-Unterrichtes – und das auch noch im günstigen Abopreis:

«Ihr hervorragender Wert bewährt sich nicht nur darin, daß sie in der alten und neuen Welt das Städtebild veranschaulichen und dem Horizont der kindlichen Auffassung näher rücken, sondern vornehmlich auch darin, daß sie zugleich die wichtigsten Monumental-Bauten und Kulturstätten, Volkstypen und Volkstrachten, landschaftlichen Eigenarten und Naturschönheiten in farbenfrohem, stimmungsvollem Gewande vor Augen führen und so das Verständnis für die hochbedeutsame topographische und ethnographische Seite des Geographie-Unterrichts wecken und auf eine zur Geist und Gedächtnis des Kindes eindringlich sprechende Weise fördern.»

Auch wenn die Hochzeit des Photochroms nach dem Ersten Weltkrieg vorbei war, kam es als pädagogisches Hilfsmittel im schweizerischen Geografieunterricht zum Einsatz, um im Klassenzimmer mit den vermeintlich authentischen Darstellungen ein anschauliches Bild von der Welt zu vermitteln. Der Echtheitsgehalt der Bilder wurde nicht hinterfragt. Wo aber früher die Bilder vor allem in Wohn- und Schulstuben betrachtet wurden, können sie heute digital rund um die Welt abgerufen werden. Nun, da grosse Bestände an Photochromdrucken der Graphischen Sammlung der ZB digitalisiert und inhaltlich erschlossen werden, stellen sich Fragen für die inhaltliche Erschliessung, wie nach der Beschreibung möglicher Bildmontagen. Ein konkreter Vergleich verdeutlicht die Problematik in der Katalogisierung: Ein Photochrom zeigt beispielsweise den alten Wiener Naschmarkt von einem leicht erhöhten Blickpunkt aus (Abb. 11).

Links (Abb. 11): Wien Naschmarkt, um 1899, Photochrom, Nr. 16681. // Rechts (Abb. 12): Wien. Naschmarkt, undatiert, Schwarz-Weiss-Fotografie, Nr. 8605.

Einmal ist ein blauer, wolkenloser, einmal ein bewölkter Himmel zu sehen, die Schatten sind aber in beiden Bildern gleich.

Links im Bild sind jeweils die Verkaufsstände unter Schirmen und Bretterverschlägen zu sehen, rechts die von Strassenbahnen und anderen Fahrzeugen befahrene Wiedner Hauptstraße, die über den Karlsplatz und in die Kärntner Straße mündend in Richtung Stephansdom führt. Legt man neben das bunte Photochrom eine Schwarz-Weiss-Fotografie mit demselben Motiv, erscheinen die beiden Darstellungen zunächst identisch. Jedoch entpuppen sie sich bei genauerem Hinsehen als regelrechte «Fehlersuchbilder»: Einmal ist ein blauer, wolkenloser, einmal ein bewölkter Himmel zu sehen, die Schatten sind aber in beiden Bildern gleich, auch haben einzelne Figuren im Bereich der Marktstände (wie die gebückte Marktfrau mit Kopftuch im Vordergrund) oder die Personen an dem kleinen Tisch neben den Gleisen ihre jeweilige Haltung nur wenig verändert. All diese Details lassen auf zwei zeitlich nahe aufeinanderfolgende Aufnahmen schliessen.

Ob das Schwarz-Weiss-Foto als Grundlage für das Photochrom diente, lässt sich nicht abschliessend beantworten, es könnte auch sehr gut eine weitere Aufnahme gewesen sein, die man für die Bearbeitung heranzog. Es lassen sich jedoch verschiedene Strategien der Bildmanipulation aufzeigen: In der Farbversion beleben bunte Schirme und ein strahlend blauer Himmel das Bild, und auf einer Strassenbahn erkennt man sogar den Schriftzug «Odol». Im Vergleich der beiden Bilder zeigt sich somit deutlich, wie Farbe und Retusche gezielt eingesetzt wurden, um die Attraktivität einer schwarz-weissen Grundlage für die Käufer*innen zu erhöhen. Eine ähnliche Ansicht vom Naschmarkt befindet sich übrigens als Fotopostkarte im Wien Museum und lädt zu weiteren Beobachtungen und Vergleichen ein.

Das Photochrom als historische Bildquelle im digitalen Zeitalter

Neben den Ansichten existieren auch zahlreiche Aufnahmen von Ereignissen mit dokumentarischem Charakter, zum Beispiel von Bergbesteigungen (Abb. 13 und 14). Bilder wie Jungfraubahn, Eismeer mit Schreckhorn oder Vallée de Chamonix. Traversée de la Mer de Glace berichten von Besteigungen von Schweizer Bergen und Gletschern. Ein historisches Ereignis wie die «Seegfrörni» – das vollständige Zufrieren des Zürichsees im Jahr 1891 – ist neben zahlreichen Fotografien auch durch Photochromdrucke überliefert, darunter sogar im Grossformat (Abb. 15).

Abb. 13: Jungfraubahn, Eismeer mit Schreckhorn, zwischen 1889 und 1914, Photochrom, Nr. 18492//Abb. 14: Vallée de Chamonix. Traversée de la Mer de Glace, zw. 1902 und 1904, Photochrom, Nr. 17818//Abb. 15: Zürich, Seegfrörni, 1891, Photochrom, ohne Nummer

Wie lässt sich die Komplexität der hier aufgelisteten Beobachtungen kompakt in einem Online-Datensatz darstellen, der in erster Linie formale Angaben zu Grösse, Technik, Datierung usw. sowie die Beschlagwortung der Bildinhalte enthält? Die Grenzen zwischen bibliothekarischer Erschliessung und (kunst)historischer Forschung verfliessen und jedes Bild stellt beim Katalogisieren eine neue Aufgabe – dies angesichts einer sehr grossen Menge an Photochroms und in Hinblick auf ihre nunmehrige digitale (Massen)Verbreitung im 21. Jahrhundert.
Mit der Frage nach der Verlässlichkeit von Bildern als historische Quellen beschäftigt sich die Forschung schon länger. Jüngst wurde auch ein Handbuch zur Erstellung diskriminierungsfreier Metadaten für historische Quellen und Forschungsdaten für die Erschliessung veröffentlicht, das zur Sensibilisierung beim Katalogisieren beitragen soll, womit auch für die Bearbeitung von Bildern mit stereotypisierenden oder kolonialistischen Darstellungen im Photochrom-Bestand ein Leitfaden vorhanden ist.
Im Zeitalter der digitalen Massenverbreitung ursprünglich analoger Bildmedien gilt es, zumindest unterschwellig in Form eines Kommentars oder Lesevorschlags einen Kontext für die kritische Rezeption der Photochroms zu schaffen. Das Katalogisieren, das früher in erster Linie eine analoge Verzeichnung von Exemplaren war, wird im digitalen Raum Aufgabe und Gedankenexperiment zur Auslotung der Möglichkeiten bibliothekarischer Erschliessung und Bildbeschreibung.

Tausende Photochroms sind noch zu entdecken. Nach und nach sollen die Bestände der Graphischen Sammlung bearbeitet und auf verschiedenen Informationskanälen bereitgestellt werden. Die Verkaufskataloge und Bulletins sind bereits digital auf ZOP (Zurich Open Platform) verfügbar.

Anna Lehninger
Graphische Sammlung und Fotoarchiv