Thema

Wer Wissen pflegt, verbindet Menschen

Die Zentralbibliothek Zürich: Leuchtturm in der Informationsflut

Montag früh nach Neujahr. Das Zürcher Niederdorf schläft noch, in der Zentralbibliothek jedoch ist schon viel los. Sich in Sesseln räkelnd, lesen Ältere im Foyer in den Zeitungen, daneben bereiten sich Studentinnen und Studenten mit ihren Laptops auf Prüfungen vor. Im Pausenraum trinkt man Kaffee, der Snackautomat spuckt Energydrinks aus. Auf einer Couch döst ein Mann, vor sich drei Papiersäcke mit seinen Habseligkeiten.

Die Zentralbibliothek, kurz ZB, ist die Zürcher Kantons-, Stadt- und Universitätsbibliothek. Die ZB ist ein Wissensspeicher, ja ein Wissenslabor mit Millionen von Büchern, Zeitschriften, grafischen Blättern, Fotos und Handschriften. Von diesen Dokumenten sind immer mehr nur in digitaler Form vorhanden. Aber wieso ist die Bibliothek ein «Wissenslabor»? Und was ist «Wissen», kann man es überhaupt festhalten und speichern?

Was ist Wissen?

Stefanie Ehrler holt mich bei der Infotheke der ZB ab. Schnurstracks öffnet sie mit dem Badge Türen, führt mich um Ecken durch Gänge und eine Tiefgarage in einen Seminarraum, von dem aus wir eine Mauer der Predigerkirche erspähen. Hinter den Kulissen entpuppt sich die Bibliothek als Labyrinth. Den Weg zurück würde ich nicht mehr finden.

Die Philosophin und Kulturwissenschaftlerin arbeitet in der Abteilung Turicensia, die Medien zur Geschichte und Gegenwart von Stadt und Kanton Zürich sammelt. Unter anderem realisiert sie Ausstellungen, die das in der Bibliothek ruhende Wissen vermitteln. Die ZB zeigt dem Publikum nicht nur ihre Bestände, sondern gibt ihm eine Vorstellung davon, was Bücher und andere Medien mit den Menschen anstellen. Und umgekehrt.

Frau Ehrler, was ist Wissen? «Die Frage öffnet ein Fass ohne Boden», sagt sie. Sie muss es wissen: Mit Kollegen hat sie die Schau «Wissensdurst» auf die Beine gestellt, die letztes Jahr in der Bibliothek zu sehen war – eine Auseinandersetzung mit der Rolle von Information in unserer Gesellschaft von der frühen Neuzeit bis heute. «Es gibt unzählige Definitionen.» Stefanie Ehrler zitiert den Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen, wonach Wissen, das in Aktion sei, zur Information werde. Das würde dann heissen: Ohne Menschen, die einander ihr Wissen mitteilen, wäre dieses bloss ruhende, kalte Materie.

«Wissen ist kontingent und vergänglich»

«Wissen ist kontingent und vergänglich», sagt Stefanie Ehrler. «Letztlich besteht es aus Geschichten, welche die Gesellschaft über sich und die Welt erzählt. Vor allem aus den Geschichten der Mächtigen. Das eine, definitive Wissen gibt es nicht, und das ist gut so.» An Wissen herrscht heute kein Mangel, im Gegenteil. Im Internet zirkulieren Informationen fast frei und vermehren sich unablässig. Nicht nur von akademischen Institutionen zertifizierte Wissensbestände sind im Umlauf, auch Halbwissen und «Fake News» machen sich breit. Viele Menschen wissen nicht mehr, welchen Informationen sie trauen sollen, und schotten sich in ihren «Filterblasen» ab.

Wissen teilen

Die ZB pflegt mit der Öffentlichkeit jede Menge Beziehungen. Ihr Publikum umfasst passionierte Leserinnen und pensionierte Geschichtsfreunde, Forschende, Studentinnen und Schüler und andere mehr. Mit «Citizen Science» holt die Bibliothek gezielt Nicht-Wissenschaftler ins Haus. Diese identifizieren etwa Ortschaften auf alten Landkarten, die sie mit zeitgenössischen vergleichen, oder transkribieren Briefe, zum Beispiel des Schriftstellers und Staatsmanns Heinrich Zschokke. Ein Projekt richtet sich an Lehrpersonen: Über dreissig frei zugängliche Unterrichtseinheiten sind entstanden, so zur Dichterin Else Lasker-Schüler oder zu den Verbindungen der Schweiz mit dem transatlantischen Sklavenhandel.

«Der Erfolg von Citizen Science hängt weniger von neuen IT-Tools als vom Aufbau und von der Pflege sozialer Beziehungen ab»

«Der Erfolg von Citizen Science hängt weniger von neuen IT-Tools als vom Aufbau und von der Pflege sozialer Beziehungen ab», sagt Stefan Wiederkehr. Der Leiter des Bereichs Spezialsammlungen führt das Citizen-Science-Programm. Wir sitzen in seinem Büro, das kaum geheizt ist, was ihn nicht zu stören scheint. Auch von hier aus würde ich den Weg zurück nicht finden.

«Den grössten Teil ihrer Arbeit verrichten die Citizen Scientists auf digitalen Plattformen, aber es ist unabdingbar, dass sie und die Organisatoren sich physisch treffen, um sich auszutauschen», sagt der Historiker. Damit Menschen gut zusammenarbeiten, müssen sie sich kennen. Die Turicensia eignen sich besonders gut: «Die Teilnehmenden können ihr ortsgebundenes Wissen teilen, der Forschung zur Verfügung stellen und Wertschätzung erfahren», sagt Stefan Wiederkehr. Profitiert nicht primär die Bibliothek, und zwar von der Gratisarbeit der Freiwilligen? «Nein. Die Citizen Scientists lernen Neues. Sie erfahren nicht nur, was die Forschung beschäftigt, sie kommen mit Gleichgesinnten in Kontakt. Und sie haben schlicht Spass.» Wissen zu teilen, bereitet Freude. Das vergisst, wer nur die prüfungsgestressten Studis im Auge hat.

Wissen sichern

Wie ein Labor sieht der hell erleuchtete Raum im Untergeschoss aus, in den Nadine Sarad mich geführt hat. An langen Tischen sitzen Restauratorinnen über Bücher gebeugt, die sie behutsam mit Pinseln und anderen Instrumenten bearbeiten. Fläschchen mit Leim aus Weizenstärke und kleine Sandsäcke stehen in Griffnähe, manche liegen auf vergilbten Büchern.

Nadine Sarad leitet die Abteilung Bestandserhaltung. «Wir restaurieren und konservieren die alten Bücher und Manuskripte der Bibliothek. So erhalten wir sie und das in ihnen gespeicherte Wissen für die Zukunft. Wir bereiten sie aber auch für die Digitalisierung vor», erklärt die Restauratorin und Buchhistorikerin gleich nebenan in ihrem Büro. Die Fachfrauen nehmen Büchern den Ledereinband ab und binden die Seiten nachher wieder ein. Mit Latexschwämmen säubern sie das Papier unter einem Luftabzug, ohne den Schmutz in die Seiten einzureiben. Bücher können von Schimmel befallen werden, Käfer fressen sich durch das Papier, Silberfischchen grasen die obersten Schichten von Fotos ab. Bevor sie im Magazin versorgt werden, kommen kontaminierte Objekte in den Quarantäneraum, wo sie giftfrei behandelt werden.

Eine der grössten Herausforderungen für die Bestandserhaltung ist das Papier: «Ab etwa 1850 brachten die Verlage viel mehr Bücher auf den Markt. Dafür benutzten sie anstelle des aus alten Lumpen hergestellten Hadernpapiers stark säurehaltiges Papier aus Holzfasern, das sich tendenziell selbst zerstört», sagt Nadine Sarad. Ein Patentrezept dagegen gibt es nicht. Auch der Tintenfrass macht der Bibliothek zu schaffen. Die Gallustinte, die bis in die jüngste Gegenwart verwendet wurde, setzt Eisenionen frei, die das Papier zerstören. «Eines der Mittel dagegen ist Japanpapier: Mit ihm stabilisieren wir die Schrift und die Brüche im Papier», sagt die Restauratorin.

Lea Fuhrer über die digitale Bestandserhaltung (Tonaufnahme)

Play Audio

Pause Audio

Mit ihrer Digitalisierung sind alte Karten und Bücher keineswegs dauerhaft gesichert. Auch digitale Daten müssen gehegt und gepflegt werden, auch an ihnen nagt der Zahn der Zeit. Die ZB sorgt dafür, dass die Digitalisate den permanenten technischen Wandel so lange wie möglich überleben. Eine Garantie für die Ewigkeit gibt es hier noch weniger als beim Papier. Zur Sicherheit speichert die Bibliothek mehrere Kopien der Digitalisate an verschiedenen Orten.

Wissen filtern

Welches Wissen soll die ZB erhalten, welche Publikationen soll sie dem Publikum zugänglich machen? So gross die Bibliothek ist: Alles kann und will sie nicht sammeln, sie muss auswählen. Madeleine Boxler leitet eine der drei Abteilungen, in der «Liaison Librarians» tätig sind. So heissen die Spezialistinnen und Spezialisten, die für ihre Fächer entscheiden, welche Bücher gekauft oder im Falle digitaler Medien lizenziert werden.

«Unser Anspruch ist, nicht nur das anzuschaffen, was Forschende und Studierende gerade brauchen, sondern die Fächer in ihrer ganzen Breite zu dokumentieren», sagt die Germanistin. Das ist oft eine Gratwanderung. Welches Wissen auch in Zukunft relevant ist und welches nicht, ist schwierig zu bestimmen: «In der Belletristik etwa werden mehr Bücher denn je auf den Markt gebracht. Umso wichtiger ist unsere fundierte Auswahl.» Dabei stützen sich die Spezialisten auf Hinweise von Forschenden und Studierenden. Die Bibliothek berücksichtigt nicht nur ihre, sondern die Anschaffungsvorschläge aller Benutzerinnen und Benutzern.

Erwirbt die ZB auch Publikationen mit Verschwörungstheorien? «Grundsätzlich ja. Unser Schwerpunkt liegt auf den Wissenschaften, aber wir dokumentieren so gut wie möglich das gesamte aktuelle Wissen. Es ist ein Spiegel der gesellschaftlichen Vielfalt. Wir sind neutral und üben keine Zensur aus», sagt Madeleine Boxler. Problematische Publikationen jedoch leiht die ZB nicht einfach so aus, auch um sie vor Vandalismus zu schützen. Manche Bücher können nur im Lesesaal oder für Forschungszwecke konsultiert werden, etwa die Originalausgabe von Hitlers «Mein Kampf».

Wissen aufbereiten

Die ZB geht auch auf Forschende zu, zum Beispiel auf jene, die mit grossen Datenmengen arbeiten, die Vertreterinnen und Vertreter der digitalen Geisteswissenschaften, auf Englisch «Digital Humanities». «Wir stellen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unsere Daten zur Verfügung, mit denen sie weiterarbeiten können», sagt Anja Weng. Die Literaturwissenschaftlerin leitet das vor vier Jahren gegründete ZB-Lab. «Wir haben gemerkt, dass wir besser verstehen müssen, wie Forschende unsere Daten für ihre Forschung nutzen. Darum haben wir unsere Datenkompetenz ausgebaut.»

Die ZB bereitet ihr datenförmiges Wissen auf, damit daraus Neues entstehen kann. Sie macht Digitalisate mit Künstlicher Intelligenz und Chatrobotern maschinenlesbar. Ein Projekt etwa beschäftigt sich mit den «Nachtzedeln», den Fremdenlisten des 18. Jahrhunderts. Damals klapperte ein Polizeibeamter jeden Abend sämtliche Gasthöfe der Stadt Zürich ab, um die Namen der Übernachtenden zu notieren. Die Regierung wollte wissen, wer sich wie lange in der Stadt aufhielt. «Wenn es uns gelingt, die Daten der Zettel automatisch in Tabellen zu überführen, stehen der Forschung aufschlussreiche Daten zur Verfügung», sagt Anja Weng.

Für das Wissen und Nicht-Wissen sensibilisieren

Neben den Forschenden spricht die ZB besonders Schülerinnen und Schüler an. Sie bietet den Maturanden und Lehrpersonen aller Zürcher Kantonsschulen Kurse an, die für den Umgang mit Information und Desinformation sensibilisieren. Der Ausgangspunkt kann die simple Frage nach dem nächsten Urlaub oder dem neuen Smartphone sein – und schon sind die Leute auf Google und Chat GPT. Was man für das Surfen im Internet lernt, ist nützlich auch für das Konsultieren der Kataloge.

In ihren Kursen setzt die ZB das Gesellschaftsspiel «Newsmaker – Finde die beste Schlagzeile!» ein. Entwickelt hat es Giovanni Peduto mit einem Arbeitskollegen und einer externen Spieldesignerin. «Im Spiel erfahren die Jungen, wie schwierig es ist, die Wahrheit zu finden, und wie einfach, mit einer erfundenen Wahrheit andere zu täuschen», sagt der Sprachwissenschaftler und ehemalige SRF-Mitarbeiter. Kernstück des Spiels sind Fotos, echte und mit KI erzeugte. Sie stiften Verwirrung, dazu kommen die von den Spielenden erfundenen Schlagzeilen. Umso erhellender ist am Schluss die Auflösung der Desinformation.

«Im Spiel erfahren die Jungen, wie schwierig es ist, die Wahrheit zu finden, und wie einfach, mit einer erfundenen Wahrheit andere zu täuschen»

Giovanni Peduto hat mit dem Spiel gute Erfahrungen gemacht. «Es dient als lockere und lustige Aufwärmrunde.» Auf die Idee des Spiels haben ihn die Lernenden der ZB gebracht, mit denen er schon länger Übungen zum Thema Faktencheck machte. Als sie behaupteten, sie würden «Fakes» problemlos erkennen, dachte sich Peduto: Challenge accepted, wir werden ja sehen.

Zum Wissen befähigen

Die heutige Wissenslandschaft ist für die ZB eine Herausforderung. Sie sieht sich nicht nur mit «Fake news» und Verschwörungstheorien konfrontiert. Mittlerweile glauben viele Menschen, die Chatroboter könnten alle Fragen beantworten. Dabei «halluzinieren» die Maschinen oft, das heisst, sie erfinden Antworten, spucken also Falschinformationen aus.

Was heisst das für die Bibliothek? «Die ZB wird sich weiter verändern. Die letzten Jahre haben gezeigt, wie stark polarisierende und faktenfreie Weltbilder die Gesellschaft beeinflussen», sagt Katharina Bruns. Sie leitet den Bereich Benutzung. Wenn sich die Musikwissenschaftlerin die ZB von morgen vorstellt, ruft sie die von gestern in Erinnerung: «Früher ging man in die Bibliothek, wenn man ein bestimmtes Wissen suchte, und eignete es sich an.» Heute wird man im Netz mit unzähligen Antworten eingedeckt, noch bevor man seine Frage gestellt hat, und selbst unsinnige Behauptungen kommen als objektive Tatsachen daher.

Darauf reagiert die ZB: «Die Bibliothek fördert als Ort des neutralen und vertrauenswürdigen Wissens den Austausch zwischen möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern», sagt Katharina Bruns. Wie geht das? «Wir schaffen niederschwellige Angebote. Bei uns kommen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen ins Gespräch. Entscheidend ist, dass sich alle wohl und ernstgenommen fühlen, unabhängig von ihrem Vorwissen oder ihrer Haltung.»

Die Bibliothek spielt sich nicht als Besserwisserin auf. Sie legt nicht fest, was Wissen ist und was nicht. Mit ihren Kursen will sie alle Nutzerinnen und Nutzer zum Wissen befähigen. Sie zeigt Studierenden, wie man Kataloge nutzt, Wissen evaluiert und wissenschaftlich schreibt, also künftiges Wissen produziert. Das Angebot ist breit: In Workshops lernen die Teilnehmenden, wie sie ihre Dokumente und Informationen verwalten. In der Reihe «Games in Context» diskutieren Fachleute mit Interessierten, wie gesellschaftliche Themen die «digitale Spielkultur» sowie unsere Weltsicht und die Wissensvermittlung prägen.

Noch immer stellt die ZB ruhige Lesesäle zur Verfügung, wo nur das Rascheln der Buchseiten zu hören ist. Doch Studierende brauchen immer mehr Gruppenräume. In den neuen «Collab Spaces» lernen sie gemeinsam, tauschen sich aus und halten Online-Treffen ab.

Wissen verbindet

Zurück an der Infotheke, schlendere ich nochmals durch das Foyer und an den Arbeitskojen vorbei. Ich blättere in den neuen Büchern, welche die ZB angeschafft hat. Die Institution Bibliothek, die so vielen Menschen ermöglicht, sich arbeitend oder in Musse mit Wissen zu beschäftigen, sie funktioniert nur, weil sich hinter den Kulissen ebenfalls Menschen mit Wissen beschäftigen.

Die ZB lädt die Leute ein, sie hilft ihnen, im Ozean der Informationen nicht zu ertrinken, sie ermächtigt sie, ihr Wissen einzubringen und sich mit neuem Wissen zu informierten Individuen zu bilden. Das von der ZB gespeicherte Wissen bildet dafür die Basis. Auch wenn der ominöse Stoff kaum fassbar ist: Niemand macht damit so viel und so Verschiedenes wie die Bibliothek.

Wissen wird von der ZB gepflegt, vermittelt und geteilt. Sie bringt das Wissen zu den Menschen, die sich informieren, sich darüber freuen oder auch ärgern. Sie machen daraus neues Wissen und Informationen – wie in einem Labor, aber einem, das offen ist für alle. Ohne die Menschen wäre das Wissen tot, das hier schlummert. Wissen verbindet, im besten Fall holt es die Menschen aus der Isolation ihrer «Bubbles» in die Bibliothek und bringt sie einander näher.

Urs Hafner
Historiker und Wissenschaftsjournalist