«Ein Spaziergang durch Paris bietet Unterricht in Geschichte, Schönheit und Leben»
Die Entwicklung des Reisens von der Grand Tour bis zur individuell gestalteten Städtereise in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird im Spiegel ausgewählter Pariser Stadtpläne aus der Kartensammlung skizziert. Ausgehend von einem Stadtplan aus dem Jahre 1822 wird ein Bogen von einer Geschichtskarte, entstanden kurz vor der französischen Revolution, bis zu einer Bildkarte aus dem Jahre 1844 gespannt.
Die Anfänge des modernen Tourismus
Spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren mehrwöchige Bildungsreisen, auf denen ein längerer Aufenthalt in Paris in der Regel zum Pflichtprogramm gehörte, nicht nur beim Adel, sondern auch beim gehobenen Bürgertum in Mode. Diese privilegierte Schicht besuchte inspiriert durch literarische Werke, Reisejournale und Reiseromane berühmter Dichter und Philosophen, wie Jean-Jacques Rousseau oder Johann Wolfgang von Goethe, Landschaften, Städte und Sehenswürdigkeiten zumeist in Begleitung ortskundiger Führer. Der Adel hingegen, bemüht, sich vom Bürgertum abzugrenzen, wandte sich derweil anderen Destinationen und Reiseformen zu und bevorzugte es an der Côte d’Azur, auf Malta, Madeira oder in Ägypten die Wintermonate zu verbringen.
Im Zuge der rasanten Entwicklung des Verkehrs- und Transportwesens und der fortschreitenden Industrialisierung vergrösserte sich die Zahl der Reisenden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erheblich. Reise- und Transportkosten sanken und die Mobilität erhöhte sich deutlich. Kurze Reisen und Exkursionen, die auch mit einem schmaleren Portemonnaie zu bestreiten waren, sowie Erholungs- und Vergnügungsreisen etablierten sich. Ab den 1840er Jahren organisierte der Engländer Thomas Cook die ersten Vereins- und Pauschalreisen, die sich grosser Beliebtheit erfreuten und 1827 gründete Karl Baedeker seinen Verlag und revolutionierte die Reiseliteratur. Der Informationsgehalt der in handlichem Format erschienen Reisehandbücher mit detaillierten Karten ermöglichte kostengünstigeres Entdecken von Sehenswürdigkeiten im Alleingang. Der erste Paris und Umgebungen gewidmete Reiseführer Baedekers erschien 1855.
«Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI»
Im gleichen Masse, wie sich die Anzahl der Reisenden vergrösserte, stieg auch die Nachfrage nach faktenreichen Beschreibungen und zuverlässigem Kartenmaterial und eine stark steigende Produktion von Strassenkarten und Stadtplänen zeichnete sich ab.
Aus eben dieser spannenden Zeit des Übergangs, eine Zeit, in der die Grand Tour an Bedeutung verlor und der Massentourismus zu blühen begann, stammt die 1822 und 1825 publizierte Karte mit dem Titel Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI.

Auf dem Stadtplan sind die wichtigsten Strassen, Boulevards, Plätze, Parkanlagen und Gebäude beschriftet und 20 Ansichten von Bauwerken besonderer Schönheit und historischer Bedeutung rahmen das Kartenbild, gleichsam als eine Liste der Top 20 Sehenswürdigkeiten des Jahres 1821.
Gestochen hat diese Karte Pierre Antoine Tardieu (1784-1869), der einer weitverzweigten Familie von Kupferstechern, Illustratoren, Porträtisten und Kartografen entstammte. Sein Handwerk erlernte er von seinem Vater Antoine François Tardieu im Stammhaus der Familie an der Place de l’Estrapade. Die besondere Qualität Pierre Antoine Tardieus Arbeiten weckte nicht nur die Aufmerksamkeit von Alexander von Humboldt, sondern auch von König Louis-Philippe, der ihn an der Exposition de l’Industrie mit einer Medaille auszeichnete. Pierre Antoine Tardieu war der erste seiner Familie, der Karten in der Anfang 1820 entwickelten Technik des Stahlstichs ausführte. Ein frühes Beispiel eines solchen Stahlstichs ist der Stadtplan von Paris.
Von der Geschichtskarte zum Stadtplan für Reisende
Die Anordnung von Ansichten besonderer Sehenswürdigkeiten entlang des Kartenrands kennt eine lange Tradition und war bei Geschichtskarten ein beliebtes Gestaltungselement. Ein beeindruckendes Beispiel einer solchen Geschichtskarte, gedruckt kurz vor der Revolution, ist der «Plan Historique de la Ville et Fauxbourgs de Paris Son accroissement dépuis Philippe Auguste jusqu’au Rêgne de Louis XVI. […]» aus dem Jahr 1785 von Maurille-Antoine Moithey (1732-1805), der sich in den 1770er Jahren auf die Publikation historischer Studien und Geschichtskarten spezialisierte hatte. Die grossformatige Karte, von der die Kartensammlung zwei Exemplare besitzt, ist von 24 Ansichten von Plätzen und Sehenswürdigkeiten umgeben, nebst drei Nebenkarten, die Paris in verschiedenen Epochen wiedergeben.
Tardieu knüpft mit Anordnung und Gestaltung an das Genre solcher Geschichtskarten an. Sein Stadtplan Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI weist jedoch ein handliches Format auf, das sich für eine Karte, die auf Reisen und Besichtigungstouren mitgenommen werden soll, besonders eignet. Trotzdem wurde die vorliegende Faltkarte aber nicht primär als Reisekarte konzipiert, sondern als Tafel in Beautés historiques, chronologiques, politiques et critiques de la ville de Paris […], von Catherine-Joseph-Ferdinand Girard de Propiac (1760?-1823), dessen Werkin der Erstauflage 1822 und in der zweiten Auflage 1825 bei A. Eymery veröffentlicht wurde.
Der Autor Catherine-Joseph-Ferdinand Girard de Propiac, Chevalier de l'Ordre de Saint-Louis, war ein französischer Schriftsteller, Komponist und Historiker. 1791 emigrierte und diente er im konterrevolutionären Heer der Prinzen. Nach seiner Rückkehr während des Konsulats war er von 1809 bis 1822 Archiviste de la préfecture du département de la Seine.
Die zweibändige Abhandlung Beautés historiques, chronologiques, politiques et critiques de la ville de Paris […] richtete sich an eine junge Leserschaft, die bei der Lektüre ihr Wissen vertiefen und das Nationalbewusstsein stärken sollte. Im Vorwort betont Propriac aber auch, dass das Werk Reisenden von grossem Nutzen sein kann: «Quoique cet ouvrage soit particulièrement destiné à la jeunesse, il ne sera pas moins utile à tous les étrangers qui visitent Paris. Ils pourront le parcourir, le livre à la main, admirer les monumens qui le distinguent, et connaître les divers changemens que le temps et les progrès des lumières et des arts leur ont fait éprouver.»
Ein Zeugnis der Entstehungsphase des modernen Tourismus
Von grossem Nutzen für einen Reisenden erwies sich gewiss die dem Werk beigelegte Karte, wie das Exemplar der Zentralbibliothek beweist. Das rund 31 x 34 cm grosse Kartenblatt wurde in gleichgrosse Rechtecke zerteilt und mit einem Abstand von etwa 1-2 mm auf Stoff aufgezogen, damit der Papierbogen und somit auch das Kartenbild bei häufigem Falten und Öffnen keinen Schaden nimmt. Dass das Aufziehen auf Stoff häufig eine zusätzlich zu bezahlende Dienstleistung war, belegen Annoncen von auf Karten spezialisierten Handlungen und Verlagen. Noch 1902 wirbt Wurster & Co. Landkartenhandlung aus Zürich: «Das Aufziehen von Karten wird prompt und billig besorgt».
Es ist jedoch nicht allein das handliche Format des Kartenblatts, respektive der Faltkarte, das die Karte von Geschichtskarten unterscheidet, sondern auch der auf Aktualität verweisende Titel und die Auswahl an Ansichten. Das Besondere bei der Auswahl ist, dass die «Bourse», auch «Palais de la Bourse» genannt, als vollendeter Bau wiedergegeben wird, obwohl sich dieser im Jahre 1825 noch im Bau befindet und erst 1826 eingeweiht wurde. Mit dem Entscheid dieses noch im Entstehen begriffenen Gebäude abzubilden, richten Autor und Kartograf ihren Blick in die Zukunft und nicht wie bei Geschichtskarten üblich in die Vergangenheit.

Propriac beschreibt im zweiten Band auf den Seiten 438 und 439 das Palais de la Bourse: «Depuis l’année 1724, que les négocians de la ville de Paris prirent la résolution de s’ assembler journellement pour traiter des affairs relatives au commerce, le lieu de leur réunion fut plusieurs fois changé. […] le Gouvernement s’est enfin déterminé à donner à la ville de Paris un monument qui, sous le nom de Palais de la Bourse doit réunir la grandeur, la grâce, la noblesse et la magnificence. C’est sur les dessins de M. Brougnard, que s’élève aujourd’hui ce superbe édifice, isolé et construit sur un périptère de deux cent trente pieds de long, et cent trente de large: il sera environné de trente-six colonnes d’ ordre corinthien, et composé de deux étages qui se trouveront compris dans la hauteur de l’ ordre et de l’attique qui le surmontent. Les salles nécessaires à la tenue de la bourse, seront au rez-de-chaussée ; le tribunal de commerce occupera l’étage supérieur.»
Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI ist eine Karte, die aufs Schönste die Symbiose von Reisen und Bildung verkörpert. In Anlehnung an Geschichtskarten gestaltet, weist sie gleichzeitig Eigenschaften einer speziell für Touristen gefertigten Karte. Sie steht beispielhaft für eine Zeit des Übergangs, der Entstehungsphase des modernen Tourismus.
Wie optimal sich Grundrissdarstellung und Bild ergänzen und dem Reisenden nicht nur die Orientierung und Planung eines Rundgangs erleichterten, erkannten die Kartografen und Verleger, die für die rasant anwachsende Zahl von Touristen eigens Karten produzierten und das Genre der Bildkarte aufblühen liessen. Ein schönes Beispiel einer solchen Bildkarte aus dieser Zeit ist diejenige von Alexandre Vuillemin (1812-1866), von der die Kartensammlung ebenfalls ein Exemplar besitzt: «Nouveau plan illustré de la ville de Paris : avec le système complet de ses fortifications et forts détachés, et des communes de la banlieue». Paris: Fatout, 1844.
Spaziergang mit der Karte
Wann Tardieus Stadtplan Paris et ses principaux monumens en MDCCCXXI als Faltkarte in die Tasche gesteckt und durch die Strassen Paris getragen wurde, bleibt unbekannt. Bekannt sind hingegen die Ziele, zu denen unter anderem das Pantheon, die Île de la cité, die Rue St. Roch und die nach Plänen Claude Nicola Ledoux’ zwischen 1785 und 1788 erbaute Mauer der Generalpächter gehören, wie die von der Hand eines ehemaligen Besitzers angebrachten Einfärbungen verraten.
«Ein Spaziergang durch Paris bietet Unterricht in Geschichte, Schönheit und Leben», diesem viel zitierten Satz von Thomas Jefferson hätte der Reisende sicher zugestimmt und wohl auch der Royalist Catherine-Joseph-Ferdinand Girard de Propiac, auch wenn die Worte der Feder eines Sympathisanten der Französischen Revolution entsprangen.
Ylva Gasser