Conrad Ferdinand Meyer von allen Seiten
2025 feierte die Zentralbibliothek (ZB) den 200. Geburtstag des Zürcher Dichters mit einer Reihe von Veranstaltungen und Projekten, die vor Ort, auswärts und im virtuellen Raum auf erfreuliches Interesse stiessen. Die vielen positiven Rückmeldungen bestätigen den Einfluss, den Bibliotheken, Archive und die Literaturwissenschaft auf die kollektive Erinnerung haben.

«Die schöne Einführung und die wunderbaren, anschaulichen und lebendigen Ausführungen haben uns das facettenreiche Leben und Schaffen des Schweizer Dichters auf eine neue Art und Weise vor Augen geführt. Dabei haben wir viel Neues, Interessantes erfahren. In den nächsten Wochen werden wir […] auch den einen oder anderen tollen Lesetipp befolgen.» - «Ihre grossartige Präsentation in der ZB hat uns neugierig gemacht. Deshalb werden wir uns weiterhin mit der Familie Meyer befassen.» - Das sind zwei der Feedbacks, die auf die Veranstaltungsreihe der ZB zum 200. Geburtstag von Conrad Ferdinand Meyer (1819–1890) aus dem Publikum eingingen.
Über 210 Personen besuchten die unterschiedlichen Veranstaltungen, nicht gezählt die Besucher*innen des ZürichFensters in der Turicensia Lounge im Lesesaal und die Klicks auf die digitalen Angebote. Der Zulauf und das rege Interesse an Meyers Nachlass in der ZB und an seinen Novellen und Dichtungen überraschte selbst die Organisator*innen, denn 2025 wurde auch Thomas Manns 150. Geburtstag zelebriert.
Der Dichternachlass in der ZB
Conrad Ferdinand Meyer zählt unbestritten zu den Klassikern der Schweizer Literatur, obwohl seine Werke heute kaum noch bekannt sind. Er selbst war kein einfacher Charakter. Er wird als selbstherrlich und «aristokratisch» beschrieben. Aber auch als Spätzünder, Zweifler und Melancholiker. Als Träumer, Italien-Fan und Geschichtsfanatiker. Er war ein Frankophiler, der unbedingt zur reichsdeutschen Kultur gehören wollte. Bruno Weber, der frühere Leiter der Graphischen Sammlung und des Fotoarchivs der ZB, brachte es auf den Punkt: «Seine zwiespältige Psyche war sein Weltreich.»
Dank dem Vermächtnis seiner Tochter Camilla Meyer gehört Meyers persönlicher und schriftstellerischer Nachlass seit 1936 der ZB.
Sein persönlicher und schriftstellerischer Nachlass enthält Lebensdokumente, Briefe, Fotografien, Werkmanuskripte und Korrekturfahnen sowie einzelne Objekte und gibt vielfältig Auskunft über sein Leben, seine Gedankenwelt, seine schriftstellerische Arbeit und seine Wirkung beim Publikum. Auch die gesamte Bibliothek und das Mobiliar seines letzten Arbeitszimmers in Kilchberg gehören dazu, ebenso Porträts und weitere künstlerische Werke aus der Familie Meyer. Das umfangreiche Dichterarchiv kann von verschiedenen Seiten befragt werden: biografisch, literaturwissenschaftlich, sozialgeschichtlich, auch psychologisch. Die Veranstaltungen der ZB berücksichtigten diese Facetten und luden dazu ein, einen frischen Blick auf den Menschen und den Dichter zu werfen.
Conrad Ferdinand und Betsy Meyer digital
Den Auftakt der Jubiläumsevents machte Elke Huwiler, Abteilung Plattformen und Daten, mit einem ZBlog-Beitrag über die Privatbibliothek des Dichters. Die mehr als 1500 Bände umfassende Sammlung von Geschichtswerken, klassischer Literatur und zeitgenössischer Belletristik wird als Dauerleihgabe im Dichterwohnhaus in Kilchberg präsentiert. Seit 2025 ist die Bibliothek auch auf der virtuellen Plattform e-rara.ch bereitgestellt. Elke Huwiler stellte im Rahmen der Jubiläumstagung «Conrad Ferdinand Meyer – ein europäischer Dichter» an der Universität Zürich (9.-11. Oktober 2025) den Nachlass und die digitalisierte Bibliothek in einem Kurzreferat vor.
Seine Schwester spielte eine wesentliche Rolle in Meyers Entwicklung zum erfolgreichen Dichter und in der Festigung seines Nachruhms.
Ein zweiter ZBlog-Beitrag von Richard Fasching, Abteilung Plattformen und Daten, widmete sich der Schwester Betsy Meyer, die eine wesentliche Rolle in Meyers Entwicklung zum erfolgreichen Dichter und in der Festigung seines Nachruhms spielte. Teilweise kann ihr sogar eine Mitautorschaft zugesprochen werden. Aus diesem Grund startete die ZB im Mai 2025 eine Citizen Science-Kampagne. Mit der Transkriptionssoftware Transkribus wurden automatisch Rohtranskriptionen von rund hundert Briefen von Betsy Meyer an Meyers Biografen Adolf Frey und seine Frau Lina Frey-Beger erstellt. Diese Rohfassungen werden seither im Transkriptionstool von e-manuscripta.ch von Citizen Scientists korrigiert und ergänzt. Der Auftakt-Workshop fand am 15. Mai statt.

Bekanntes und Vernachlässigtes neu gesehen
Im Frühjahr ging auf der ZB-Website der Zürich-Themenbeitrag von Monica Seidler-Hux, Handschriftenabteilung, online. Dank dem Nachlass in der ZB kann die virtuelle Präsentation aus dem Vollen schöpfen und mit Zitaten aus Werken und von Zeitgenossen, mit eigenhändigen Manuskripten, Fotografien, Illustrationen, bisher wenig beachteten Archivalien und Lesetipps Conrad Ferdinand Meyer von allen Seiten beleuchten. Sie holt auch zehn Frauen aus dem Schatten des gewichtigen Dichters. Freundlicherweise verwies das Museum Strauhof im Rahmen seiner «Meyerama»-Ausstellung auf den Zürich-Themenbeitrag der ZB.

Conrad Ferdinand Meyer in Wort, Bild und Ton
Heidi Stieger, Katharina Rutishauser und Marco Geissbühler aus der Abteilung Turicensia gestalteten in der Turicensia Lounge das ZürichFenster «Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch». Von Juni bis September 2025 war auf einem Touchscreen mehr über Meyers Leben und Werk zu erfahren. Hängebilder über der Lounge zeigten Porträts und Familienfotos aus dem Bestand der ZB, eine Hörstation mit drei seiner Gedichte und eine Auswahl von Büchern luden zum Hören und Schmökern ein.

1998 erwarb die ZB das Klavier von Conrad Ferdinand Meyer. Es wurde von Carl Scheel in Kassel erbaut und ist für damalige Verhältnisse ein wahres Prunkstück. Es erklang als Auftakt der Reihe Mittagsmusik im Predigerchor am 24. September und ein zweites Mal in einem Abendkonzert am 8. Oktober 2025 mit dem Pianisten Edward Rushton und zum Gesang des Bassbaritons René Perler. Auf dem Programm standen Liedkompositionen zu Gedichten von Meyer.

Aus dem Archiv zu den Menschen – Vergangenheit vor Ort
Um den Geburtstag des Dichters am 11. Oktober herum verdichtete sich das Jubiläumsprogramm mit drei Manuskriptführungen in der Handschriftenabteilung und zwei reich bebilderten Vorträgen im Dichterhaus in Kilchberg. Monica Seidler-Hux verband in beiden Formaten Archivgeschichte und biografische Forschung mit psychologischem Gespür und Gegenwartsreflexionen. Das grosse Interesse an den Kilchberger Vorträgen, die Auftakt und Abschluss der dortigen Meyer-Jubiläums-Events bildeten, ermutigt die ZB, weitere personen- und themenorientierte Vermittlungsangebote im Sinne einer «Archivgeschichte unterwegs» und eines «Dialogs mit der Gegenwart» nach aussen zu tragen. Dorthin, wo sich Erinnerung und Neugier treffen. Denn was hört eine Bibliothek lieber als: «Sehr inspirierend! Ich gehe nach Hause und lese C. F. Meyer!»
Monica Seidler-Hux
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Handschriftenabteilung