Einmal Forscher, immer Forscher
Urs Leu prägt seit 36 Jahren die Spezialsammlung «Alte Drucke und Rara» der Zentralbibliothek Zürich (ZB): Er baute die Sammlung auf, leitet sie seit über zwei Jahrzehnten und trägt sie als unermüdlicher Forscher, gewiefter Ausstellungskurator und eloquenter Referent nach aussen. 2026 tritt er in den Ruhestand, doch seine Forschungstätigkeit geht weiter.

«Anlass für die Schaffung meiner Stelle waren Diebstähle von wertvollen Büchern in grösseren deutschen und schweizerischen Universitätsbibliotheken – darunter auch in der Zentralbibliothek Zürich», sagt Urs Leu. Die Diebstähle spielten sich Mitte der 70er-Jahre ab, 1990 wurde er als wissenschaftlicher Bibliothekar an die ZB berufen, um die Abteilung «Alte Drucke und Rara» aufzubauen – seit 2002 leitet er sie. Leu erarbeitete einen Kriterienkatalog, um unter den rund 400'000 alten Büchern der ZB die seltenen und wertvollen herauszufiltern. Das Fachwissen dazu eignete er sich weitgehend selbst an, denn er kam fast frisch von der Universität, wo er bereits mit 27 Jahren promoviert hatte.
Urs Leu studierte an den Universitäten Zürich, Frankfurt am Main und Heidelberg Geschichte, Kirchengeschichte und Mittellateinische Philologie. Seine Doktorarbeit schrieb er über den Zürcher Universalgelehrten Conrad Gessner, dem er sich während seiner Zeit in der Zentralbibliothek immer wieder widmete. Besonders intensiv im Jahr 2016 zum 500-jährigen Jubiläum des Gelehrten als er mit verschiedenen Zürcher Institutionen – darunter dem Landesmuseum und dem Zoo – zusammenarbeitete und Ausstellungen sowie Veranstaltungen koordinierte: «Es wurde eine riesige Kiste – ganz Zürich hat ‘gegessneret’».
Das Interdisziplinäre und die Vielfalt der Frühen Neuzeit ab dem späten 15. Jahrhundert – das fasziniert Urs Leu. Er selbst hat breit gefächerte wissenschaftliche Interessen: Neben den Geisteswissenschaften hat er auch ein Faible für Naturwissenschaften, genauer für die Paläontologie. Seit er 17 Jahre alt ist, interessiert er sich für Fossilien und sammelt dabei vor allem solche, die heute noch in den Ozeanen leben: «Ich bin mit einer Italienerin verheiratet, deshalb viel am Meer und tauche. So habe ich mich für Muscheln und Schnecken als Sammlungsgebiet entschieden.» Seine Fossiliensammlung stockt er nach wie vor auf: «Seeigel sind eine neuere Richtung,» fügt er schmunzelnd hinzu.
Trotz einiger Semester Paläontologie schienen ihm die beruflichen Aussichten in diesem Feld wenig verlockend: Die Erdölindustrie und der Tunnelbau sprachen ihn nicht an, er sieht sich seit jeher als «klassischer Gelehrter». Mittlerweile ist er seit 36 Jahren in der ZB tätig – die «Arbeit am Buch» ist nach wie vor seine grosse Passion:
«Die Forschungsarbeit, sprich Sachen herausfinden und rekonstruieren, macht mir Spass. Ich bin angefressen. Es beschäftigt mich auch in den Ferien und am Wochenende weiter.»
«Ich gehe nicht um 18 Uhr zum Haus raus und fertig. Andere schauen dann Fernsehen, aber das mache ich selten.» Seine Publikationsliste ist entsprechend beeindruckend: Über 150 Artikel sowie knapp 30 Monographien und Sammelbände hat Leu bereits veröffentlicht – darunter auch die dreibändige Ausgabe des Handbuchs der historischen Buchbestände in der Schweiz. Im Zentrum seiner Forschung stehen die Buch-, Kirchen- und Wissenschaftsgeschichte. Dabei ist Leu stets darauf bedacht «Unbekanntes auszugraben» und Neues herauszufinden. Stillstand geht für ihn nicht: «Was mir ein Graus ist, wenn ich bei einer Anfrage zu einem bestimmten Thema einfach 15 Aufsätze zusammenfasse und es gibt einen 16.»
Während seiner Zeit in der Zentralbibliothek kuratierte Urs Leu rund ein Dutzend Ausstellungen. Zu den Publikumserfolgen zählten im Jahr 2025 «Verfolgt, vertrieben, vergessen – 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich» sowie 2022 die dem Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer gewidmete Ausstellung «Wind und Wetter – das Klima in Zürich seit der Steinzeit». Als Erfolgsrezept nennt Leu einerseits die Anknüpfung an Jubiläen und andererseits ein Gespür für Themen, die den Zeitgeist treffen. Hilfreich war vermutlich auch eine kurze Episode in der Marketingabteilung einer Lebensversicherung zwischen Studium und seiner Anstellung an der Zentralbibliothek: Dort habe er gelernt, «wie man etwas verkauft oder verkaufen kann».
Neben der Konzeption von Ausstellungen hält Leu in der Zentralbibliothek regelmässig gut besuchte Referate und unterrichtet als Dozent für Buchgeschichte im Masterstudiengang der Bibliotheks- und Informationswissenschaften der UZH/ZB. Dabei ist es ihm wichtig, dass seine Vorträge und sein Unterricht «lebendig, verständlich und zugleich forschungsmäßig aktuell» sind, so dass die Zuhörenden etwas mitnehmen können. In der Regel arbeitet er ohne Manuskript: «Ich habe meine Folien und rede dazu.»
Urs Leu gilt als Experte für historische Bücher sowie für die Reformations- und Wissenschaftsgeschichte. Ende November 2026 geht er nach 36 Jahren, davon 24 als Leiter der Abteilung «Alte Drucke und Rara», in Pension. Kein einfacher Schritt für ihn, der viel und gerne arbeitet:
«Eine Zeitlang ging es mir schlecht damit, denn ich fühle mich noch nicht wie 65.» Verschmitzt fügt er hinzu: «Gerade Bibliothekare sind sehr gut konserviert.»
Er hat sich nun eine dreijährige Übergangszeit eingerichtet, so dass sein Pensum nicht «von 120 auf null» fällt: Für ein weiteres Jahr arbeitet er zu 50% als Archivar in der Zentralbibliothek, daneben verfolgt er für weitere 50% ein dreijähriges Forschungsprojekt an der Universität Zürich und schreibt eine Biographie über den Reformator Leo Jud. Aufgrund der dürftigen Quellenlage sei es kein einfaches Thema. Doch, so fügt er hinzu: «Als alter Fuchs bin ich vermutlich der richtige dafür.»
Aufgezeichnet von Christa Helbling
Mitarbeiterin Marketing und Kommunikation