Einzigartige Landkarten
Die Zentralbibliothek Zürich (ZB) besitzt gelehrtes, geheimes und glanzvolles Kartenmaterial – es sind handschriftliche Dokumente, die in einem Citizen-Science-Projekt georeferenziert wurden.
Im Herbst 2025 wurden während des Citizen-Science-Projekts «Einzigartige Karten» 1147 handschriftliche Karten geografisch verortet. Für diese vierte Georeferenzierungs-Kampagne mit Altkarten hatten sich 29 Citizen Scientists namentlich registriert. Einige davon besuchten zusammen mit weiteren Interessierten den Orientierungsanlass zum Projekt Anfang Dezember, wobei auch Erfahrungsberichte ausgetauscht wurden.
Für die Forschung besser auffindbar
Während dieser Kampagne wurden die einzelnen Dokumente mit einer aktuellen Referenzkarte verglichen und innerhalb von sechs Wochen mehr als 26′000 übereinstimmende Punkte einander zugewiesen. Parallel dazu lief ein Review-Verfahren durch Mitarbeitende der Abteilung Karten und Panoramen; zum Teil in engem Kontakt mit fleissigen Beitragenden. So wurde das zu einem grossen Teil noch wenig erforschte Quellenmaterial für die Öffentlichkeit besser auffindbar, und die Zeitzeugnisse lassen sich untereinander und mit der heutigen Topografie einfach via das Portal OldMapsOnline vergleichen. Gleichzeitig wurden die einzigartigen Bibliotheksbestände auf eine anregende und unterhaltsame Weise bekannter gemacht. Einen eigenen Beitrag leistete dazu auch das nationale Netzwerk fürs wissenschaftliche Mitforschen («Schweiz forscht»), das während des Projekts mit gerade aktiv Beteiligten ein Video für die eigene Plattform drehte.


Gelehrte, geheime und glanzvolle Karten
Dass die ZB einen Bestand an handschriftlichen Karten pflegt, ist bei einer öffentlichen Bibliothek keine Seltenheit: Für die meisten Karten gab es früher eine handschriftliche Version. Viele solche Manuskriptkarten sind als Entwurf für eine Publikation oder als Druckvorlage überliefert. Eine besondere Bedeutung als einzigartige historische Zeugnisse kommt den Dokumenten zuteil, wenn sie von bekannten Gelehrten stammen, die einen Meilenstein der Kartographiegeschichte setzten. Andere handschriftliche Karten sind für das öffentliche Publikum heute spektakulär, weil sie einst ein – meist militärisches – Geheimnis hüteten und ein Druck beziehungsweise eine Publikation ein solches verletzt hätte. Für die dritte Gruppe von Manuskriptkarten stand ein Druckverfahren aus technologiehistorischen Gründen nicht zur Option: Es war im Mittelalter noch zu früh dafür. Die ZB besitzt einige besonders alte und prunkvolle Karten, die von einer aufwändigen Entstehung berichten und Anfang Advent im Lichte des Orientierungsabends erstrahlten.
Citizen Scientists verorteten über 1‘000 Landkarten und wiesen mehr als 26′000 übereinstimmende Punkte zu.
Scheuchzer der Frühaufklärer
Eines der wissenschaftsgeschichtlich bedeutendsten Dokumente der Kartensammlung ist die Schweizer Karte des Zürcher Universalgelehrten und Frühaufklärers Johann Jakob Scheuchzer (1672-1733). Scheuchzer reiste im ersten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts durch die Schweiz und die Alpen – mit einem wissenschaftlichen Eifer wie kaum einer vor ihm. Derweil publizierte er seine Befunde, angereichert mit viel Kartenmaterial, in seinen Itinera per Helvetiae alpinas regiones facta. Darunter befindet sich eine Gewässerkarte zum Gotthardquellgebiet. Die dem Druck zugrunde liegende Manuskriptkarte ist noch erhalten.

Diese auf den ersten Blick unscheinbare Darstellung von Rhein, Rhone, Tessin und Reuss bezeugt Scheuchzers Vorreiterrolle in der Frühaufklärung: Zu sehen ist nicht nur eine der ersten hydrologischen Karten, sondern links unten davon auch das erste wissenschaftliche Höhenprofil der Alpen mit einem lotrechten Schnitt durch den Gotthardpass. Es ist an der höchsten Stelle mit «Summa Alpes» bezeichnet, was auf die irrtümliche Annahme hinweist, es handle sich um die höchste Erhebung in den Alpen. Das Profil verfügt mit der «Hora Helvetica» nicht nur über einen Distanzmassstab, sondern mit den «Pedes Tigurini» auch über einen (überhöhten) Höhenmassstab – woraus wir zweierlei schliessen: Scheuchzer hat nicht nur seine topographische Aufnahme in aufklärerischer Manier mit Schritten und Kompass vermessen, sondern sich auch verschiedene Höhen notiert. Möglich machte ihm dies das Barometer, das durch ihn in der Schweiz erstmals Verwendung fand.
Um 1710 wurde die kartographische Materiallage zu Scheuchzers Befunden aus seinen alpinen Exkursionen unübersichtlich. Er wollte eine Gesamtschau der absolvierten Routen und Entdeckungen auf einer Schweizer Übersichtskarte. Darauf sollte die mittlerweile internationale Leserschaft der Itinera die verschiedenen Reisen und Berichte verorten und nachvollziehen können. Die bis anhin zirkulierenden Schweiz-Karten waren eher klein und konnten deshalb die hohe Informationsdichte aus den Itinera nicht aufnehmen – also schuf Scheuchzer eine neue in deutlich grösserem Massstab.

Dazu nahm er die 1657 in Kupfer gestochene Karte von Hans Conrad Gyger (1599-1674) – mit grosser Wahrscheinlichkeit das Exemplar der damaligen Stadtbibliothek Zürich – und vergrösserte sie auf mehr als das doppelte. So fanden viele neue Ortsnamen, partielle Korrekturen und topographische Ergänzungen Platz. Ausserdem findet sich in dieser «Scheuchzerkarte» die erste Höhenkote. Weil sich Scheuchzer über die Ungenauigkeiten seiner barometrischen Messungen im Klaren war, beliess er es bei einem Beispiel; dem «Stellamons». Es handelt sich um das Steilerhorn (2‘980 m ü. M.) bei Splügen, das hier einen Messwert von umgerechnet fast 4‘000 Metern aufweist.

Die idyllischen Randillustrationen von Johann Melchior Füssli (1677-1736) zeigen weidende Kühe, einen Senn, eine Käserei, Gletscher und ein Alphorn. Das sind Klischees, die sich mit dem Druck der Karte ab 1713 (trotz Impressum «1712») in Europa verbreiteten und noch Friedrich Schiller (1759-1805) im fernen Weimar zu seinem Drama «Wilhelm Tell» inspirierten. Diese langfristige Wirkung im Ausland zeigt, wie Scheuchzers Karte das landeskundliche Bild der Schweiz praktisch das ganze 18. Jahrhundert hindurch international prägte.
Geheime Kartenproduktion
Verzögert wurde der Druck der Schweiz-Karte wegen Scheuchzers Teilnahme am Zweiten Villmergerkrieg (1712) und der aus diesem Konflikt resultierenden territorialen und machtpolitischen Verschiebungen, die kartographisch nachgetragen werden mussten. Gleichwohl zeichnete der Gelehrte während des Feldzugs andere Karten, die zum Teil sensible militärische Informationen enthielten, geheim gehalten wurden und deshalb Manuskripte blieben. Ein Beispiel dafür ist der Situationsplan zum «Lager bei Mettmenstetten».

Einer strikten Geheimhaltung unterstanden auch viele Karten des bereits genannten Hans Conrad Gyger. Dank seiner Ausbildung als Glasmaler hatte er ein besonderes künstlerisches Flair. Zugleich verstand er sich in der Vermessungstechnik, und er verfügte über ein ausgezeichnetes räumliches Vorstellungsvermögen – alles Eigenschaften, die es für ein kartographisches Jahrhundert-Genie braucht. Im Auftrag der Zürcher Regierung stellte er 1667 nach 38-jähriger Arbeit eine Reliefkarte vom Zürcher Gebiet fertig. Sie gilt als früheste Meisterleistung der plastischen Geländedarstellung und war die bis dato genaueste und grösste Karte zum Hoheitsgebiet der alten Stadtrepublik. Das Dokument war sofort Verschlusssache und wurde erst nach 20 Jahren als stark verkleinerter Druck publiziert. Auf derselben kartographischen Grundlage entstanden geheime Karten zu den Einzugsgebieten im Mobilmachungsfall, den so genannten «Militärquartieren». Brauchte das Zürcher Militärwesen Gebrauchskopien, so wurden Nachzeichnungen angefertigt.

Während des Dreissigjährigen Kriegs (1618-1648) war der inner-eidgenössische Friede einer Belastungsprobe ausgesetzt. Nicht auszudenken der Aufschrei in der katholischen Innerschweiz, wenn bekannt geworden wäre, dass Hans Conrad Gyger 1633 mit dem Segen der Zürcher Obrigkeit eine Spezial-Karte erstellte; für den Feldzug des schwedischen Generals Gustav Horn (1592–1657) entlang des südlichen Bodenseeufers, also im gemeinsam verwalteten Thurgau (wo die Schweden dann auch verschiedene Schlösser plünderten). Die Karte selbst schweigt sich aus gutem Grund über die Urheberschaft aus. Das Dokument kehrte erst vor wenigen Jahrzehnten aus schwedischem Besitz wieder nach Zürich zurück.

Im 18. Jahrhundert lag die Verantwortung über die Landesverteidigung noch bei den einzelnen eidgenössischen Ständen. Ein Dutzend Zürcher Offiziere der Mathematisch-Militärischen Gesellschaft vermass zwischen 1787 und 1792 in jährlichen Exkursionen einzelne Grenzabschnitte – denn diese galt es im Kriegsfall zu verteidigen. Aus dieser Initiative ist bis 1795 ein handschriftlicher Grenzatlas entstanden, der die Topographie in diesen Gebieten in noch nie dagewesener Auflösung spiegelte. Die ökonomische Versuchung, diese Karten zu veröffentlichen, muss gross gewesen sein. Aber man hätte ein militärisches Geheimnis verletzt.

Mittelalterlicher Glanz
Aus dem Mittelalter ist nur wenig Kartenmaterial erhalten geblieben. Von den wenigen kartographischen Zeugen dieser Zeit gibt es eine weltweit sehr übersichtliche Anzahl an Prunkobjekten. Eines davon ist der Portolan von 1321, der zu den kostbarsten und frühesten Seeatlanten gehört. Noch nicht genug der Superlative: Er ist wohl auch der einzige nautische Atlas aus der Epoche, zu dem noch das originale Lederfutteral erhalten geblieben ist. Perrinus Vesconte konzipierte in Venedig ein spezielles Fach in diesem Behältnis, das der Aufbewahrung eines Navigationszirkels diente. Es ist der Schlüssel für diese um 1300 neu entstandene Kartengattung: Die Navigatoren konnten dank der neuen Orientierungsmöglichkeit einen Schiffskurs übers Meer bestimmen und waren nicht mehr darauf angewiesen, den Küsten entlang zu segeln. Im Portolan spiegelt sich diese neue Technologie in den linienförmigen Kompassrichtungen, den so genannten Rumbenlinien, die die einzelnen Kartenblätter wie kunstvolle Spinnennetze überziehen.
Jost Schmid
Leiter Abteilung Karten und Panoramen
