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Unsichtbares sichtbar machen: Die ZB holt verborgene Schätze ans Licht

In der Zentralbibliothek Zürich lagert ein grosser Teil der Informationsquellen für Besucher*innen unsichtbar. Mit Ausstellungen, Spezialprojekten und Digitalisierung wird ihnen im physischen und im digitalen Raum Aufmerksamkeit verschafft – zuhanden der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit.

Vieles ist ausserordentlich an der Zentralbibliothek Zürich. An einem einzigen Ort, mitten in der Stadt verbindet sich die Vergangenheit mit der Zukunft. Die ZB ist Stadtbibliothek, Kantonsbibliothek und Universitätsbibliothek in einem. Sie ist das Gedächtnis der Stadt mit einer immensen Wissenssammlung, und sie ist genauso eine moderne Forschungsbibliothek. Zugänglich und offen für alle, will sie auch Unsichtbares sichtbar machen. Denn einen Schatz im Verborgenen zu hüten, ihn lediglich zu bewahren, heisst auch, ihn langfristig zu verlieren.

Der Schatz der ZB ist Wissen. Doch Wissen funktioniert wie ein Werkzeug, es muss benutzt werden können, um seine Wirkung zu entfalten. Befähigung ist das Stichwort: Eine moderne Bibliothek wie die ZB sorgt dafür, dass Wissen von möglichst vielen in Gebrauch genommen und verstanden wird. Erst dann kann es wirksam sein. Wissen ist von gesellschaftlicher und emanzipatorischer Relevanz, wenn es von Generation zu Generation geteilt und weitergegeben wird.

Die ZB macht Wissen durch Digitalisierung zugänglich und bereitet es digital so auf, dass es neu erforschbar, durchsuchbar und interpretierbar wird.

Hier kommt der Auftrag der ZB zur Wirkung. Als Insel des Wissens ist sie mit ihren Beständen eine der grössten Bibliotheken der Schweiz: Über 8 Millionen Bücher, Zeitschriften, Handschriften, Bilder, Fotografien, Karten, Musikalien, Tonträger und DVDs befinden sich am Ort. Allerdings bleibt das Meiste oft unsichtbar, vieles schlummert in Archiven, anderes wird wenig beachtet, weil es auf den ersten Blick gesellschaftlich nicht bedeutend erscheint.

Mit Digitalisierung verschafft die ZB ihren Benutzenden weitere Zugänge und macht verborgene Bestände verfügbar. Bücher, Handschriften, Briefe, sogar Bilder, mittelalterliche Handschriften oder persönliche Notizbücher, sie alle werden hochauflösend digitalisiert. Auf der Plattform e-manuscripta.ch
sind sie nicht mehr nur für Spezialisten im Lesesaal zugänglich, sondern für Leserinnen und Leser weltweit einsehbar. Die interessierte Öffentlichkeit findet dort etwa frühzeitliche Dokumente aus der Handschriftenabteilung.

Unter e-rara.ch wiederum sind Drucke aus dem 16. bis 20. Jahrhundert digital verfügbar. Werke, die aus konservatorischen Gründen kaum genutzt werden können, sind zum Studium oder zur Forschung frei benutzbar. Es braucht keine besondere Vorsicht mehr im Umgang mit den fragilen Dokumenten: Aus dem Lesesessel von zuhause aus lässt sich etwa bequem in historischen Prachtatlanten oder der Autorenbibliothek von Conrad Ferdinand Meyer stöbern.

Dabei ist es nicht damit getan, historische Quellen online zu stellen und Zugänge zu schaffen. Unsichtbares sichtbar machen beinhaltet Wissensvermittlung sowie Wissenszugewinn: Durch Metadaten und Suchfunktionen werden Zusammenhänge offensichtlich, verborgene Verbindungen zwischen Personen, Orten und Ereignissen generiert, Netzwerke öffentlich und neue Bedeutung erzeugt. Die ZB macht Wissen durch Digitalisierung zugänglich und bereitet es digital so auf, dass es neu erforschbar, durchsuchbar und interpretierbar wird. Sie macht ihre verborgenen Bestände zu einem lebendigen Wissensraum, der aus der Vergangenheit gespeist in die Zukunft wirkt.

Massendigitalisierung mit Google Books

Unsichtbares sichtbar machen, kann bisweilen eine handfeste Plackerei sein. Entsprechend verlief das ZB-Projekt «Google-Books», das 2025 seinen Abschluss fand.

Noch bis in den Juli 2025 präsentierte sich die Stadt- und Kantonsbibliothek für das Publikum von aussen folgendermassen: Ein Lastwagen im Halteverbot der Mühlegasse, eine Fahrspur abgesperrt, an der Arbeit hochmotivierte Magaziner, die in den LKW 20 Bücherwagen aus- und wieder einluden. An 26 Tagen wiederholte sich derselbe Spuk zu einer ähnlichen Uhrzeit, in zwei Stunden war er wieder vorbei – schöne Fahrt und auf Wiedersehen. Zuschauer*innen des rätselhaften Treibens mochten sich die Frage stellen: Macht die ZB nun auch in Cargo?

In Kooperation mit Google digitalisierte die ZB 130 Tonnen Bücher. Die Fülle an neuen Daten ermöglicht spannende Forschungs-Folgeprojekte.

In der Tat. Bis in den Sommer 2025 wurde in unterschiedlichsten Abteilungen am Zähringerplatz an den Bestand Hand angelegt. Solche körperlichen Anforderungen stellt naturgemäss kein Datenprojekt an seine Mitarbeitenden – hier wurde ein Logistikprojekt realisiert. Massendigitalisierung. Dafür wurde eine Bücherschlange, die 15 Fussballfelder lang ist, auf den Weg gebracht, ging vorerst durch die Hände der Restauratorinnen – und reiste schliesslich von Zürich Richtung München und wieder zurück. Altbestände aus dem Zeitraum von 1700 bis 1900, auf der Strasse unterwegs für das Digitalisierungsprojekt mit der Firma Google. Die Handelskammer sorgte für die notwendigen Zolldokumente.

Im Dezember war es schliesslich so weit: Julia Lyskawa aus der Abteilung Drucke und Rara feierte mit dem Projektteam den erfolgreichen Abschluss des Google-Books-Projekts. Stets war man bei Ankunft der Chauffeure in Zürich mit der Bereitstellung der Bücherwagen on time, jedes Mal funktionierten die Abläufe reibungslos. Doch, die Buchmenge zeitgerecht bereitzustellen, führte zu einer enormen Anspannung. Rückblickend meint die Mitarbeiterin: «Nach der letzten Lieferung waren wir alle extrem erleichtert.»

Wenn einer von rechts nach links Bücher verschiebt, insgesamt 130 000 Kilogramm immerhin, wenn ein für die Menge vergleichsweise kleines Team Basisarbeit leistet, mag das von aussen möglicherweise unspektakulär erscheinen. Doch für die Öffentlichkeit ist das Projekt ein grosser Gewinn.

Julia Lyskawa kennt die Bedeutung für die Benutzenden: «Auf unseren bisherigen Plattformen haben wir in den letzten Jahren rund 50 000 Titel digitalisiert. Mit Google als Partner haben wir in deren Münchner Digitalisierungszentrum in nur drei Jahren mehr als die dreifache Menge gescannt. Zudem erreichen wir mit einem globalen Publikum eine viel grössere Reichweite.» Hätte man die Datenmenge im hauseigenen Zentrum verarbeitet, hätten auch die Kinder und die Kindeskinder der ZB-Mitarbeitenden noch zu tun.

Dafür wurde eine Bücherschlange, die 15 Fussballfelder lang ist, auf den Weg gebracht, ging vorerst durch die Hände der Restauratorinnen – und reiste schliesslich von Zürich Richtung München und wieder zurück.

Nach dem Abschluss des Google‑Books‑Projekts steht die nachhaltige Nutzung der digitalisierten Volltexte im Zentrum: rund 100 Millionen Seiten in diversen Sprachen bilden die Grundlage des Nachfolgeprojekts «Swiss Google Books for Research». In Zusammenarbeit mit den Universitätsbibliotheken Basel und Bern sowie der Zentral- und Hochschulbibliothek Luzern wird aktuell eine gemeinsame Plattform aufgebaut, die dieses grosse Textkorpus für Analysen in Forschung und Lehre systematisch nutzbar macht.

Spezialistin für die Digitalisierung von Tageszeitungen

Während Google die Massendigitalisierung favorisiert, leistet die ZB die Digitalisierung der eigenen Schätze schon länger. Zuständig ist das Team um Jesko Reiling, der 2025 Projekte mit Nachhall realisiert hat.

Seit sich die ZB den Ruf erworben hat, Zeitungen zu digitalisieren – die NZZ mit zwei Millionen Seiten war ihr erstes Projekt– wenden sich regelmässig Verlagshäuser an die Bibliothek. Als Folgeprojekt der Retrodigitalisierung der NZZ waren 2025 in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Verlagshäusern und der Schweizerischen Nationalbibliothek vier Zürcher Zeitungstitel in Arbeit: der «Tages-Anzeiger», «Der Landbote», «Zürcher Oberländer» sowie der «Anzeiger von Uster». Digitalisierung und Segmentierung, das heisst die Text- und Layouterkennung verantworten externe Dienstleister, die ZB leistete das Projektmanagement sowie etwa die Qualitätskontrolle.

Reiling: «2025 wurde die erste Tranche des «Landboten» aufgeschaltet, die Jahrgänge von 1836 bis 1875, das entspricht über 30 000 Seiten.» Ziel ist es, die Digitalisierung und Erschliessung des «Landboten» bis zum Jahrgang 1950 zu leisten. Sämtliche Titel stellt die Bibliothek online im Wortlaut durchsuchbar auf der Zeitungsplattform e-newspaperarchives.ch frei zugänglich bereit. Hier findet jeder Geschmack das seine, die akademische Forschung wird genauso fündig wie der Laie, der danach sucht, ob seine Grossmutter in der Lokalzeitung einst Erwähnung fand.

Die ZB hat die Bibliothek Conrad Ferdinand Meyers digitalisiert und dadurch für die Öffentlichkeit sichtbar gemacht. Auf dem Bild: das Arbeitszimmer des Schriftstellers in Kilchberg mit der Privatbibliothek rechts.

An die Wissenschaft wie das interessierte Publikum richtet sich eine andere Eigenleistung, die Archivmaterial ans Licht holte und zum Sprechen brachte: Nach mehrjähriger Arbeit hat die ZB 2025 die Digitalisierung der Autorenbibliothek von Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) pünktlich zum 200. Geburtstag des Zürcher Dichterfürsten abgeschlossen und im Netz bereitgestellt.

Jesko Reiling erinnert sich: «Damit die physische Bibliothek im Arbeitszimmer von Meyer in Kilchberg nicht gänzlich leer ist, haben wir die Bücher regalweise abgeräumt, mit Laufstreifen versehen, um ihren Standort nachverfolgbar zu machen – und bei uns, wenn nötig, restauriert, katalogisiert, digitalisiert, und schliesslich in Kilchberg wieder eingeräumt.» Auf der Plattform für alte Drucke, e-rara.ch sind die Digitalisate unter «Privatbibliotheken» frei abrufbar. Wer die Bedeutung von Betsy Meyer, der Schwester, für den Nachruhm des Dichters erfassen will, dessen Lieblingslektüren kennen möchte oder sich für seine Lesegewohnheiten interessiert, wird alles das und noch viel mehr auf der erwähnten Online-Plattform sowie in einem Blog über das Projekt erfahren. Verraten sei so viel: Betsy wurde lange unterschätzt, und C.F. Meyer hielt seine Bücher nicht für heilig, er war ein grosser Kritzler.

Eigendigitalisierung ist Archäologie mit anderen Mitteln.

Eigendigitalisierung ist Archäologie mit anderen Mitteln. Das lässt sich auch für ein weiteres Unterfangen sagen. Die ZB hat 2025 erste ausgewählte Bestände des Familienarchivs Wille von Meilen digitalisiert. Die Bibliothek entschied sich zu diesem Schritt, nachdem der Nachlass 2021 in ihren Besitz überging und seit 2025 weitgehend frei von Schutzfristen zugänglich ist. Auf Wunsch der Familie waren die Akten bis 100 Jahre nach dem Tod des Generals Ulrich Wille (1848-1925) gesperrt. Nun dienen Briefe und persönliche Dokumente aus mehreren Generationen auf der Plattform e-manuscripta.ch als Quellen für das Verständnis dieser wichtigen Zürcher Familie und ihres Wirkungskreises.

Dass auch das Archiv der Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942), Enkelin des Generals Ulrich Wille, digitalisiert wurde, ist hochaktuell. Schwarzenbachs Beitrag als lesbische Frau für die Genderdebatte ist in der Schweiz noch zu führen. Die ZB digitalisierte 2025 die Dokumente im Auftrag eines Editionsprojekts zu Annemarie Schwarzenbach. Ein Forschungsteam aus verschiedenen Universitäten erstellt eine digitale Edition, die zum ersten Mal alle Texte Schwarzenbachs versammelt und für die Forschung und die interessierte Öffentlichkeit zugänglich machen wird. Darunter auch journalistische und fotografische Arbeiten Schwarzenbachs sowie ihre Briefe. Die an der ZB digitalisierten Briefe sind bereits jetzt aufrufbar auf e-manuscripta.ch und ergänzen die Forschungsergebnisse aus der Ausstellung «In Frauenhand | In Her Hand» prototypisch.

Überhaupt, Glanzstücke an Eigenleistungen sind die digitalen Editionen als neue Form der Bestandspräsentation. Angestossen durch das Vorgängerprojekt, die digitale Edition der Korrespondenzen der Zürcher Musikverleger Hans Georg und Hermann Nägeli, haben Reiling und sein Team bereits weitere digitale Editionen in Arbeit. Zuhanden der Forschung und des Publikums wird eine digitale Edition der Erstausgaben von Johanna Spyris Werken herstellen. Und eine nächste bedeutende Frauenfigur tritt aus ihrem Schatten, Jeanne Hersch (1910–2000). In Kooperation mit externen Partnern entsteht eine digitale Neuauflage der Schriften dieser grossen Schweizer Zeitkritikerin und Philosophin.

«In Frauenhand | In Her Hand»

Auch die analoge, die herkömmliche Ausstellung ist eine Möglichkeit, um Unsichtbares sichtbar zu machen. Zumal wenn sie, wie in der ZB, durch einen intelligenten kuratorischen Zugriff, durch Inszenierung und Storytelling Material vornehmlich aus eigenen Beständen in einen neuen gesellschaftlichen Diskurs stellt: Mit der Ausstellung «In Frauenhand | In Her Hand» wandte sich die ZB mit einem verborgenen Schatz an die Öffentlichkeit. Kunstschaffende Schweizer Frauen aus fünf Jahrhunderten wurden neu bewertet und auf ihre Netzwerke hin untersucht. Auch inhouse war das Projekt nicht zu übersehen: Im Zeitraum der Ausstellung buhlten zeitgenössische Künstlerinnen mit Interventionen im Lesesaal beim Publikum um Aufmerksamkeit. Sie befeuerten das Interesse für das, was in der Ausstellung in der Schatzkammer zu entdecken war.

Ein Werk von Anna Maria van Schurman von 1633. Als «Ausnahme» durfte sie an der Universität Utrecht Vorlesungen besuchen, aber nur in einer eigens für sie eingerichteten Loge hinter einem Vorhang, um ihren Ruf zu schützen: Unsichtbarkeit war unerlässlich.

Das Team der Kurator*innen um Barbara Dieterich forschte auf zwei Schienen: «Zuerst haben wir die Fokusthemen bestimmt, und dann begannen wir zu lesen. Dabei stiessen wir auf Namen, die wir noch nicht gekannt hatten, oder uns waren Namen schon bekannt, die wir unbedingt abhandeln wollten. Als nächstes gingen wir ins Magazin und recherchierten.»

Die andere Schiene war, und darauf habe die Kollegin Alice Robinson-Baker Wert gelegt: «Wir haben auch den Karteikartenkatalog spezifisch nach Namen von Künstlerinnen untersucht.» Durch das Lesen und das Sichten der Vorlässe und der Nachlässe gelangten schliesslich Positionen auf den Radar, die man ein zweites Mal mit dem Bestand im Magazin abglich. Könnte sich irgendwo doch noch etwas verbergen oder verstecken? Das Team ergänzte die analoge Ausstellung im digitalen Raum mit mehr Materialien als die ausgestellten.

Mit der Ausstellung «In Frauenhand | In Her Hand» wandte sich die ZB mit einem verborgenen Schatz an die Öffentlichkeit. Kunstschaffende Schweizer Frauen aus fünf Jahrhunderten wurden neu bewertet und auf ihre Netzwerke hin untersucht.

Unsichtbares sichtbar machen, bedeutet Wissen schürfen, Wissen heben, Wissen kuratiert der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Die Mitarbeitenden der Bibliothek entscheiden, welche Bestände sich für die digitale oder die analoge Präsentation eignen. Berechtigung hat beides. Denn mit beidem übernimmt die ZB Verantwortung für das ihr anvertraute, über Generationen angesammelte Erbe.

Daniele Muscionico
Kulturjournalistin und Buchautorin