Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser

Christian Oesterheld, Direktor Zentralbibliothek Zürich
Dr. Christian Oesterheld, Direktor Zentralbibliothek Zürich (Bild: ZB Zürich, C. Schmid)

Kann ich an dieser Stelle schreiben, dass Sie hier den ersten digitalen Jahresbericht der Zentralbibliothek Zürich in den Händen halten? Vielleicht stimmt das und Sie lesen diese Zeilen gerade auf Ihrem Tablet oder Smartphone, unterwegs im Zug, auf der Bank im Park, im Café am Fluss. Vielleicht lesen Sie ihn aber auch auf Ihrem Notebook im Homeoffice oder schauen sich das Video auf einem Bildschirm in Ihrem Wohnzimmer an. Klar ist: Unser Jahresbericht in seiner neuen Form kann auf vielfache Weise, in unterschiedlichen Momenten und an vielen Orten gelesen und betrachtet werden. Er ist mobil geworden, nutzt auf neue Weise Bilder, Töne und Videos, ist farbiger und anschaulicher als bisher – gleichsam ein lebendiges Magazin aus der ZB, das zur vertieften und ruhigen Lektüre ebenso einlädt wie zum Betrachten der Bilder oder zur kompakten Aufnahme von Informationen und Fakten aus der Bibliothek. Sicher werden einige langjährige Leserinnen und Leser das bisher gewohnte gedruckte Heft vermissen. Falls Sie zu diesen gehören, hoffe ich, dass Sie nach dem Durchblättern, -wischen oder -scrollen dieser Ausgabe sich mit den neuen Möglichkeiten anfreunden und manche Entdeckung machen werden, die wir Ihnen im Printformat nicht hätten bieten können.

Denn auch das redaktionelle Konzept haben wir rundum erneuert: So finden sie unter anderem eine ausführliche, mit Audio-Zeugnissen angereicherte Titelgeschichte, in der die Journalistin Rebekka Haefeli über das digitale Archiv zum Bauhaus-Meister, -Künstler und -Lehrer Johannes Itten berichtet, das wir derzeit gemeinsam mit der Swiss Art Research Infrastructure (SARI) der Universität Zürich aufbauen. Das «Johannes Itten Linked Archive» wird einen ganz neuen Zugang zum Werk dieses bedeutenden Kunsttheoretikers, seinem Umfeld und seiner bis heute andauernden Wirkung eröffnen. Sodann können Sie in einem «Making of»-Video mit den Fragmenten der ältesten mittelalterlichen Jahrzeitbücher aus dem Grossmünster und dem Fraumünster auf eine Reise gehen: aus unserem Handschriftenmagazin über mehrere Etappen eines aufwendigen Restaurierungsprozesses und die Digitalisierung im Digitalisierungszentrum der ZB bis in die Ausstellung «Starke Zürcherinnen», die Spuren einflussreicher Frauen in der Zürcher Geschichte aufdeckte und einen der Höhepunkte des Jahres 2021 bildete. Eine ganz andere Facette Zürcher Kultur beleuchtete im Frühjahr die Ausstellung zur Zürcher Grafik- und Buchkünstlerin Warja Lavater. Sie bewies, dass die Kunstsammlung der ZB auch für das 20. Jahrhundert über faszinierende Bestände verfügt, die oft noch wenig bekannt sind. Auch davon vermittelt Ihnen unser Jahresbericht einen plastischen Eindruck. Erwähnen will ich schliesslich unsere 2021 begonnenen Aktivitäten im Feld der Citizen Science, womit wir neue Wege in der forschungsnahen Vermittlung unserer Sammlungen an die Öffentlichkeit einschlagen. Auch Sie können Teil dieses Netzwerks von Laienforscherinnen und -forschern werden, die daran mitwirken, unsere Sammlungen zur Zürcher Kulturgeschichte noch besser zu erschliessen und zu durchdringen, mit uns zusammen neue Fragen an die Quellen stellen und die Antworten darauf entdecken können.

Wenn Sie bis hierhin gelesen haben, fragen Sie sich vielleicht, wo denn in diesem Editorial das Thema der Pandemie bleibt, das doch dieses Jahr 2021 so sehr beherrscht hat. Ja, es spielt auch eine Rolle in dieser Publikation: für einmal nicht mit einer Schilderung all der Herausforderungen, welche die Corona-Krise für den Betrieb der Bibliothek und für unsere Nutzenden bedeutet hat (wir denken, dass wir sie alles in allem gut gemeistert haben), sondern mit einem Blick in die Geschichte: Die Bestände der ZB erzählen nämlich erstaunlich viel über Seuchen, die über die Jahrhunderte hinweg Zürich heimgesucht haben. Sie schildern anschaulich, wie man mit Epidemien umging und welche Folgen sie für die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse in der Stadt hatten, und zeigen, wie die Ereignisse Eingang in die historische Überlieferung gefunden haben.

Wenn Sie nach der Lektüre unseres Rückblicks auf das Jahr 2021 feststellen, dass Sie gerne auch im Jahreslauf immer wieder einmal davon erfahren würden, was sich in Ihrer Zentralbibliothek tut, empfehle ich Ihnen unseren ZBlog: Unter dieser Rubrik berichten wir in lockerer Folge von innovativen Projekten, aktuellen Entwicklungen und neuen Angeboten – immer konkret, anschaulich und bildhaft. Denselben Anspruch verfolgt unsere Kolumne zu «Perlen der ZB», die ebenfalls auf der Startseite unseres Webauftritts zu finden ist und faszinierende Stücke aus unseren Sammlungen – analoge wie digitale, historische wie moderne – mit ihrem inhaltlichen Hintergrund und in ihren zeitbezogenen Zusammenhängen in kurzen Portraits vorstellt. Und vielleicht folgen Sie uns ja auch schon auf den Sozialen Medien, etwa auf unseren Kanälen bei Twitter, Instagram, Facebook und YouTube?

Von der ZB, ihren Menschen, Sammlungen und Aktivitäten online zu lesen, gibt es also mittlerweile eine ganze Reihe von Möglichkeiten, die wir noch weiter ausbauen werden.

Zugleich wollen wir Sie auch in Zukunft immer wieder zum Besuch bei uns vor Ort einladen - denn der digitale Alltag, der uns räumliche und zeitliche Unabhängigkeit erlaubt, und der konkrete Ort der Begegnung mit Kultur und Wissenschaft, vor allem aber auch des Austauschs mit anderen machen erst zusammen die lebendige Stadt aus, in deren Mitte die Zentralbibliothek ihren Platz hat.

Dr. Christian Oesterheld
Direktor Zentralbibliothek Zürich